| 20:40 Uhr

"Wir fliehen vor der Zeit"

Aufwendige Kostüme und atmosphärisches Licht: Die einzelnen Stationen der Horrornacht – hier der Voodoo – sind effektvoll inszeniert. Foto: Theater Trier/Philipp Kirsch
Aufwendige Kostüme und atmosphärisches Licht: Die einzelnen Stationen der Horrornacht – hier der Voodoo – sind effektvoll inszeniert. Foto: Theater Trier/Philipp Kirsch FOTO: (g_kultur
Trier. Bei der Trierer Horrornacht wird das Publikum integriert, soll Rätsel lösen und mit den Darstellern interagieren, um schließlich den heiligen Gral zu finden. Ein ungewöhnliches Konzept, das aufgeht. Adrian Froschauer

Trier. In Lumpen gekleidet, das Gesicht starr zur Wand gerichtet, stehen sechs Menschen im engen Raum verteilt. Musik setzt ein, die leblosen Gestalten beginnen, sich zu bewegen - zunächst unmenschlich abgehackt, dann immer rhythmischer. Plötzlich fallen sie mit Messern über eine junge Frau in ihrer Mitte her. Ein Voodoo-Priester ergreift das Wort: "In den Naturreligionen hingen Leben und Tod eng zusammen."
Er spricht mit einer Handvoll Zuschauer, die dem Schauspiel etwas verdattert beigewohnt hat. Sie sollen nun helfen, ein schamanistisches Ritual durchzuführen, indem sie mysteriöse Symbole mit Blut an die Wand malen und eine Beschwörungsformel aufsagen. Zuckend richtet die Totgeglaubte sich auf und schreit das Publikum an: "Was habt ihr getan? Verschwindet!"
Viel Zeit, das Gesehene zu reflektieren, bleibt nicht. Die Zuschauer werden schnell zur nächsten Station geführt, wo sie mit einer anderen Religion konfrontiert werden und neue Aufgaben meistern müssen.
Die zweite Trierer Horrornacht ist interaktives Theater: Das Publikum muss Hinweise finden und Rätsel lösen, um die Handlung voranzutreiben. Dieses Mal geht es nicht um klassische Horrormotive, sondern um Religion, um Okkultes und Fanatismus.
Auch wenn die eine oder andere Plastikspinne auf dem Boden doch eher an Trash-Horror erinnert, bleibt die Atmosphäre unheimlich: Es ist dunkel, Wispern erfüllt den Saal - alle Anwesenden dürfen nur flüstern. Das Publikum ist erst zögerlich. Viele lächeln verlegen und trauen sich nicht, mit den Schauspielern zu interagieren. Doch diese locken die Zuschauer aus der Reserve, schreien sie an, kommen unangenehm nahe. Es ist kein klassischer Grusel, eher ein Gefühl der Beklemmnis, das sich einstellt.
Thematisch zusammen hält die Stationen die Suche nach dem heiligen Gral: Mal abstrakt - als das Verlangen nach Unsterblichkeit -, mal tatsächlich in Form eines Kelchs, zieht er sich als roter Faden durch die Religionen. "Wir fliehen vor der Zeit", sagt einer der Darsteller an der Station der nordischen Mythologie. Leben und Tod spielen in allen Religionen eine wichtige Rolle, vielleicht sogar die wichtigste. Doch immer wieder wird die Frage aufgeworfen, ob Unsterblichkeit überhaupt erstrebenswert ist.
Die Hintergrundgeschichte ist komplett ausgearbeitet, für die Zuschauer allerdings nur fragmentarisch angedeutet. "Das Unheimliche ist immer das Unbekannte", erklärt der künstlerische Leiter Marc-Bernhard Gleißer, der die Horrornacht zusammen mit dem Ensemble aus Profis, Laien und gänzlich unerfahrenen Schauspielern konzipiert hat.
Moderner Okkultismus


Bei der Gestaltung der Islam-Station haben Flüchtlinge aus Syrien geholfen. Hier soll das Unbekannte bekannt werden: Die Lösung ist, die Darsteller in ihren rätselhaften Handlungen zu imitieren und zu erkennen, dass sie ungefährlich sind. "Stereotypen sind der moderne Okkultismus", findet Gleißner. "Dieses kleine politische Statement erlauben wir uns."
Nach einer Stunde sind alle Aufgaben gemeistert und der Gral gefunden - das Publikum wird eilig hinausgetrieben. Vor der Tür blicken einige Zuschauer verwirrt drein. "War's das jetzt?" Vollkommen schlüssig scheint die Geschichte für niemanden gewesen zu sein. Doch ist es nicht genau das, was guten Horror ausmacht: das nicht Verstandene, überhaupt nicht Verstehbare?