| 17:27 Uhr

Interview
„Wir haben uns gefragt: Wer könnte zu Trier passen?“

Ulrich Holkenbrink (links) und Victor Puhl vor dem Trierer Theater.
Ulrich Holkenbrink (links) und Victor Puhl vor dem Trierer Theater. FOTO: TV / Martin Möller
Trier. TV-Gespräch mit Ex-Kulturdezernent Ulrich Holkenbrink und dem scheidenden Trierer GMD Victor Puhl.

Im Theater ist der Ausnahmezustand ein Normalfall – und das ganz bestimmt nicht nur in Trier. Kaum hatten sich Ex-Kulturdezernent Ulrich Holkenbrink, Generalmusikdirektor (GMD) Victor Puhl und TV-Mitarbeiter Martin Möller einigermaßen provisorisch im GMD-Zimmer niedergelassen, da lief schon die erste Katastrophenmeldung ein: In einer Stunde beginnt die Zauberflöte, und der „erste Knabe“ ist krank. Immer mal wieder springt dann die Tür auf, Akteure schauen herein, haben irgendein Anliegen, bitten dringend um „fünf Minuten“. Aber Victor Puhl, der zurzeit auch kommissarischer Operndirektor ist, er regelt alle Probleme mit einer beeindruckend ruhigen, freundlichen Autorität. Und ist im Gespräch mit Holkenbrink und dem TV sofort wieder ganz bei der Sache.

Herr Holkenbrink, die Entscheidung für Victor Puhl als Trierer Generalmusikdirektor kam ja für viele überraschend, und manche waren auch etwas verschnupft, weil sie sich übergangen fühlten. Wie kam es überhaupt dazu?

Holkenbrink: Die Entscheidung ist gefallen in einer Findungskommission, bestehend aus Musiksachverständigen, dem Trierer Philharmonischen Orchester, der Verwaltung und Vertretern der Fraktionen. Mehr als 100 Bewerbungen gingen damals ein. Und wir haben dann ausgewählt. Dabei haben wir uns gefragt: Wer könnte zu uns, zu Trier und zu unseren Möglichkeiten passen? Der neue Generalmusikdirektor sollte Trier nicht als reines Karrieresprungbrett betrachten, sondern sich mit Trier und seinem Musikleben wirklich identifizieren. An vorderster Stelle der Sachverständigen stand damals Siegfried Köhler – Professor, Generalmusikdirektor in Saarbrücken, Wiesbaden und Stockholm – ein Profi, nicht nur musikalisch souverän, sondern auch sehr menschlich …

… und beim Trierer Orchester sehr beliebt …

... ja, beliebt und geachtet! Wir haben damals nach jemandem gesucht, der die Vernetzung des Orchesters mit dem Trierer Musikleben voranbringen konnte. Wer ausschließlich sich selber im Fokus hatte, schied damals sofort aus. Bei Victor Puhl war es anders. Die Findungskommission hatte den Eindruck, dass Puhl das Trierer Musikleben bewusst in sein künstlerisches Konzept einbezogen hat. Es ging dabei auch um die musikalische Begegnung mit jungen Menschen. Und schon damals hat er angedeutet, dass er das Format der Weltmusik mitbringen würde. Wir hatten gefragt nach der Verbindung des Profiorchesters mit dem allgemeinen Trierer Musikleben. Und wenn ich zurückblicke: Die Zusammenarbeit mit den allgemeinbildenden Schulen, mit den Musikschulen – all dies, was wir mit ihm damals angesprochen hatten, war ihm in seiner Arbeit ein Bedürfnis, hat er auch so umgesetzt. Ich nenne hier nur beispielhaft das gemeinsame Projekt „Die Zauberflöte“ des Theaters mit der Porta-Nigra-Schule, das auch von der Kulturstiftung Trier mitunterstützt wurde.

Herr Puhl, wie haben Sie das Verfahren wahrgenommen? Waren Sie auch überrascht?

Puhl: Ich erinnere mich noch an die zweite Bewerbungsrunde. Wir mussten damals Ausschnitte aus dem zweiten Akt von Puccinis „Tosca“ dirigieren. Ich hatte nur 30 Minuten Probezeit. Ich habe dann mein Konzept völlig umgeworfen und stand dabei natürlich sehr unter Stress. Orchester und Sänger waren mir ja völlig unbekannt. Jemand sagte nach der Probe zu mir: „Du hast viel verlangt von den Orchestermusikern, aber sie haben es verstanden.“ Dann kam auch vom Orchester ein positives Signal, und das hat wohl den Ausschlag gegeben. Meine Frau sagte damals: „Okay, ich gehe mit dir nach Trier, aber nur für vier Jahre.“ Aus den vier Jahren wurden acht Jahre, und als es zum Konflikt mit dem damaligen Intendanten kam, habe ich entschieden, auf Bitte des Oberbürgermeisters und des Orchesters weitere zwei Jahre Trierer Generalmusikdirektor zu bleiben. Die Unterstützung durch das Orchester und das Publikum damals hat mich sehr gefreut, und auch deswegen habe ich weitergemacht. Ich konnte nicht zulassen, dass meine erfolgreiche Arbeit zerstört wird. Die Weltmusik-Konzerte waren echte Highlights und die Sinfoniekonzerte meist ausverkauft.

Holkenbrink: Ich möchte noch eines ergänzen: Es war eigentlich klar, dass die Diskussion um den richtigen Bewerber nicht in der Öffentlichkeit und nicht in den Medien stattfindet, sondern im geschlossenen Kreis der Findungskommission. Deswegen freue ich mich auch heute noch darüber, dass das damals vereinbarte Stillschweigen von allen Vertretern der Kommission eingehalten wurde. Man konnte sich hier aufeinander verlassen! Jeder Bewerber hatte 30 Minuten Probezeit, und es gab dann ein ausführliches Gespräch der Kommission mit dem Bewerber. Die Entscheidung für Victor Puhl fiel dann am Schluss einstimmig.

Herr Puhl, Sie sind ja mit Metz eng verbunden. Haben Sie sich in Trier auch beworben, um näher an Ihrer Heimatstadt zu sein?

Puhl: Ich war in Potsdam, ich war in Zwickau, und für mich war es natürlich verlockend, nahe bei meiner Heimatstadt zu leben und zu arbeiten.

Holkenbrink: Auch für die Mitglieder der Findungskommission war die Herkunft Victor Puhls aus Metz ein interessanter Aspekt. Wir hatten natürlich auch gehofft, dass er so etwas wie ein Brückenbauer nach Metz werden könnte. Das hat nun leider nicht so geklappt, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Warum ist es denn nie zu einer dauerhaften Kooperation mit dem Metzer Orchester gekommen?

Puhl: Die Anfänge waren ja gemacht – denken Sie an unser gemeinsames „Concert Mosella“. Aber dann wurde Metz Staatsorchester mit neuen Aufgaben. Da war die Kooperation viel schwieriger, vor allem in der zeitlichen Planung. Metz hatte einen Vorlauf von zwei Jahren, Trier nur von einem Jahr. Das ließ sich schwer vereinbaren. Aber es war keine Frage persönlicher Beziehungen – die sind bis heute gut –, sondern Probleme der Organisation.

Herr Holkenbrink, nun sind Sie selber nicht mehr politisch aktiv. Und Abstand schärft bekanntlich den Blick. Waren Sie immer zufrieden mit Victor Puhl?

Holkenbrink: In der Summe sehr, sehr zufrieden. Weil das, was wir damals besprochen haben, von Victor Puhl umgesetzt worden ist – und das sehr überzeugend!

Kommen wir am Ende des Gesprächs zum Sinfoniekonzert am kommenden Donnerstag. Das Programm mit Musik von Berlioz, Dvorak, Bernstein und Ravel – ist das eine Art Victor-Puhl-Programm?

Puhl: Ja, ganz eindeutig. Ich wollte etwas von der Musik vorstellen, die ich ganz besonders liebe. Berlioz ist ein französischer Komponist durch und durch. Auch Ravels „Daphnis et Chloé“ ist eine ganz französische Musik. Dvoraks Cellokonzert liebe ich, weil ich selber gerne Cello gespielt hätte und meinen Bruder, der Cello spielt, immer beneidet habe. Und mit den Symphonischen Tänzen erinnere ich an Leonard Bernstein. Der war mein Lehrer im amerikanischen Tanglewood. Bernstein war nie auf einen bestimmten Stil fixiert. Das Konzept, das ich in Trier verfolgt habe – vor allem mit der Weltmusik –, geht eigentlich auf Bernstein zurück.

8. Sinfoniekonzert, Donnerstag, 21. Juni, 20 Uhr, Trierer Theater. Werke von Berlioz, Dvorak, Bernstein und Ravel. Jérôme Pernoo, Violoncello, Leitung GMD Victor Puhl.