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„Wir machen Musik für das Publikum" So wird das 8. Sinfoniekonzert

Philharmoniker : „Wir machen Musik für das Publikum“

Im 8. Sinfoniekonzert spannt der Generalmusikdirektor einen Bogen von Berlioz zu Dallapiccola. Die Themen: Verlorene Liebe, Treue und auch Tod.

(mö) Das Programm im achten und letzten  Sinfoniekonzert der Spielzeit (am Donnerstag, 7. Juli) besteht aus einem Mix aus Bekanntem und Ungewohntem. Mit der Kombination von Berlioz, Dallapiccola und Tschaikowsky bewegen sich der Trierer Generalmusikdirektor (GMD) und seine Philharmoniker auf ungewöhnlichem Terrain. Jochem Hochstenbach erläutert im Gespräch mit Martin Möller, was ihn zu dieser Disposition bewogen hat. Und gibt bei der Planung der Sinfoniekonzerte einen kleinen Einblick in seine Arbeitsweise. 

Herr Hochstenbach, auch in der kommenden Saison finden wieder Sinfoniekonzerte statt – wie immer acht an der Zahl. Wenn Sie an die Planung des Konzertprogramms herangehen – ist das eher eine rationale oder eher eine emotionale Tätigkeit? Arbeiten Sie bei der Planung mehr mit dem Kopf oder mehr mit dem Bauch?

JOCHEM HOCHSTENBACH  Also – es ist beides. Ich versuche, Bekanntes und Unbekanntes zu kombinieren und zwischen ihnen eine Balance herzustellen. Die Besucher sollen Musik entdecken, aber sich auch einmal zurücklehnen bei Klängen, die ihnen vertraut sind. 

 Und wenn Sie planen, ist das eher „L’art pour l’art“, oder stellen Sie das Publikumsinteresse in den Mittelpunkt?

HOCHSTENBACH Nein, Kunst um der Kunst willen, darum geht es mir nicht. Wir machen Musik für das Publikum. Aber wir wollen niemanden nur unterhalten oder nur belehren.

Kommen wir zum Sinfoniekonzert, dem achten in der aktuellen Spielzeit. Die Lieder, die Hector Berlioz unter dem Titel „Nuits d’Èté“ zusammengefasst hat – was ist das für eine Musik?

HOCHSTENBACH Es ist auf jeden Fall auch für Berlioz eine ungewöhnliche Musik. Sie kennen Berlioz, der war ja Experte für großen Klang. Und sein „Te Deum“ ist alles andere als Kammermusik. Aber das Stück hier ist betont kammermusikalisch gehalten und dabei einmalig in seiner Art. Es ist der erste Liederzyklus mit Orchester, weit vor  Wagner und Strauss.

 Ich finde auch die Besetzung interessant. Drei Hörner, lange nach Beethovens „Eroica“…

HOCHSTENBACH ... aber es sind nur bei einem Lied drei Hörner …

 …, aber eins dieser Hörner ist ein Naturhorn!

HOCHSTENBACH Das ist eine Sache der Aufführungspraxis. Das gibt es bei Wagner auch, der hat auch immer für Naturhörner notiert. Aber bei ihm wechseln die Stimmungen der Hörner rasch, viel rascher, als sich die Einrichtungen der Instrumente wechseln lassen. Da muss heute ein Hornist einfach umdenken. Und ein guter Hornist kann das. 

Bei den „Nuits d’Eté jedenfalls ist die Instrumentation, sehr hell, sehr transparent – Sommernächte eben.

HOCHSTENBACH So ist es. 

 Kommen wir zu Luigi Dallapiccola. Können Sie etwas sagen zu seiner „Piccola Musica notturna?“

HOCHSTENBACH Ja, die Musica notturna ist eins der ganz wenigen Werke von ihm, das wirklich Atmosphäre hat – stellen Sie sich vor, Sie schauen aus einem Fenster auf einen nächtlichen Platz, auf dem sich Musik abspielt. Es geht bei Dallapiccola in vielen seiner Werke um Freiheit und vor allem Humanität. Aber die „Piccola Musica notturna“ ist eine Ausnahme. Der Komponist vertont ein Gedicht von Antonio Machado, „Sommernacht“. Und der letzte Satz heißt: „Ich wandere durch diesen alten Ort, einsam, einem Geiste gleich.“ Die letzten Worte des Gedichts „Noche de verano“ („Sommernacht“) von Machado geben die unheimliche Atmosphäre wieder, die Luigi Dallapiccola in seinem kurzen, stimmungsvollen Stück nachempfunden hat. 

Ich habe die Piccola Musica noch nie gehört, und die Noten sind erst auf dem Weg.

HOCHSTENBACH Okay, dann erkläre ich es. Das Stück ist wunderschön, aber es ist trotzdem keine „kleine Nachtmusik“ wie bei Mozart. Es gibt gelegentlich Ausbrüche, aber oft ist diese Musik sehr leise. Manchmal klingt sie wie eine Zwölftonkomposition – ich muss dabei an Anton Webern denken. Sie ist sehr, sehr durchsichtig, fast minimalistisch und manchmal schattenhaft – wirklich besonders schön. Und Dallapiccola ist ein Komponist, der nicht so oft gespielt wird.

Ein bisschen hat es dann vielleicht doch Serenadencharakter?

HOCHSTENBACH Naja, aber eine Serenade im Sinn Mozarts ist es nicht.

 Also, das verspricht ja ganz spannend zu werden. Aber die „Pathétique“ von Tschaikowski zum Abschluss, wie passt die dazu?

HOCHSTENBACH Warum dieses Werk? Ja, also, es hat alles in diesem Sinfoniekonzert etwas mit Abschied zu tun.  Es geht auch in der „Pathétique“ um Abschied. Nicht nur, weil Tschaikowsky wenige Tage nach der Uraufführung gestorben ist, sondern auch wegen dessen Grundstimmung. Es ist ja erwiesen, dass Tschaikowsky aus einer Abschiedsstimmung heraus komponierte – denken Sie an seine Depressionen, seine Homosexualität, seine missglückte Heirat, den Selbstmordversuch. Die „Pathétique“ ist ein Werk, das all dieses im Kern sehr stark trifft. Und Tschaikowsky geht in dieser Komposition sehr exaltiert mit diesem Thema um.  „Das ist ja ein Requiem“, soll ein Orchestermusiker bei einer Probe zur Uraufführung gesagt haben.

Von Berlioz über Dallapiccola bis zu dieser „Pathétique“ ist es ein weiter Bogen.  Und die Idee ist ja auch sehr klar: verlorene Liebe. Treue und auch Tod. Die „Sommernächte“ im ersten Teil und die Musik um Tod, Abschied im zweiten stehen gegeneinander. Das ist für mich am Ende einer Saison sehr passend. Und ich habe diese drei Werke ausgewählt, weil sie in ihrer Unterschiedlichkeit drei ganz verschiedene musikalische Charaktere repräsentieren.