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Kultur: Witwe mit angezogener Handbremse: Franz Léhars Operette „Die Lustige Witwe“ am Trierer Theater

Kultur : Witwe mit angezogener Handbremse: Franz Léhars Operette „Die Lustige Witwe“ am Trierer Theater

Am Trierer Theater hatte Franz Léhars Operette „Die Lustige Witwe“ Premiere. Regisseur Manfred Langner hat die Operette aus der dekadenten österreichischen Gesellschaft in die Diplomaten-Kreise der Europäischen Union verlagert.

Am Ende hängt mal wieder alles an den Frauen. Neuerlich war das im Theater Trier zu erfahren. Dort hatte Franz Léhars Operette „Die lustige Witwe“ in der Inszenierung von Manfred Langner  Premiere.

Die Sache ist die: Hanna,millionenschwere Witwe des Bankiers Glawari, soll den Grafen Danilo Witch heiraten, um den bankrotten Operettenstaat Pontevedro vor der Pleite zu retten.  Dazu hat der Gesandte Baron Zeta von Mordiot in die Pariser Vertretung seines Landes eingeladen, wo er seinem Kulturattaché mit der Millionenerbin verkuppeln will. Bevor das klappt, gibt es allerdings noch jede Menge Turbulenzen um die gar nicht so lustige  Dame und den wenig pflichtbewussten Lebemann, der lieber zum „Maxim“ und seinen Grisetten geht als ins Büro.

Dass Léhars Operette trotz ihrer Beliebtheit der Durchlüftung bedarf, hat nicht zuletzt Altmeister Harry Kupfer in seiner berühmten Hamburger Fassung demonstriert, dessen Danilo in Unterhosen die Trierer Aufführung zitiert. Auch Intendant Langner setzt folgerichtig in Trier auf eine zeitgenössische Überschreibung. Dazu hat er das Libretto von Victor Léon und Leo Stein einschließlich der Namen gründlich überarbeitet und aktualisiert.

In seiner Gesandtschaft versammeln sich statt der dekadenten österreichischen Gesellschaft die Mitglieder des diplomatischen Chors der Europäischen Union einschließlich des Päpstlichen Nuntius. Die aus Pontevedro stammende, in Paris lebende Witwe hat anstelle des durch Heirat erworbenen französischen, einen ungarischen Pass. Aus dem Pariser Baron Camille de Rosillon, mit dem die Frau des Gesandten eine Affäre hat, wird hier der russische Diplomat Wladimir Rossilowitsch genannt „Wladi“.

Die Gesellschaft illustrer diplomatischer Witzfiguren tummelt sich auf den Treppen, die Beate Zoff, die auch die Kostüme verantwortet, auf die Bühne gebaut hat. Hinten auf der Fensterfront ist in Spiegelschrift „Pontevedro“ zu lesen. Als Zeichen des drohenden Crashs stürzt schon mal ein Buchstabe ab.

Léhars Fassung ist eine flotte und elegante, erotisch aufgeladene Satire über die dekadente österreichische K&K-Gesellschaft und ihre Doppelmoral. In Langners zeitgenössischer Übertragung wird daraus zwar forciertes, aber auch recht handfestes Kabarett. Als Frauenrechtler outet sich der Regisseur, wenn er dem männlichen „Weibermarsch“ eine Frauendemo entgegenstellt. Zudem hat Langners Tochter Kim mit Axel Weidemann das Duett „vom Zauber der trauten Häuslichkeit“ feministisch neu gefasst.

Die weibliche Ermächtigung  verkehrt sich aber in eine  Lachnummer, als die Diplomatengattinen als eifersüchtige Hausdrachen auftreten und Sekretärin Florentina Feldbusch (Stephanie Theiß) als weibliches Faktotum herumgescheucht wird. Aktuelle satirische, aber häufig platte Verweise gibt es jede Menge — vom Geschäft mit der Ölpipeline über Eurokraten-Bürokratie bis hin zu müden Witzen über den öffentlichen Dienst. Der liegt als Kunstwerk „Das Geheimnis der Finanzverwaltung“ in Gestalt eines riesigen Aktenordners mit überdimensioniertem Rotstift auf der Bühne. Versteht sich, dass letzterem auch die Kunst zum Opfer fällt. Opfer von Corona -Abstandsregeln ist offensichtlich die innere Dynamik der Inszenierung geworden. Léhars Operette lebt nun mal von den großen Ensemble-und Tanzszenen. Da bieten auch die feschen Tanznummern  (Choreografie Joe Monaghan) mit Puszta-Mädeln und kokett den Staubwedel schwingenden Kammerzofen kaum Ersatz.

Mit subtiler Erotik hat die Inszenierung ebenso wenig im Sinn wie mit mondäner Eleganz. Stattdessen gibt es ein paar spitze orgiastische Schreie der Gesandtengattin hinter der Tapetentür, ein paar Anzüglichkeiten sowie recht biedere Kostüme der Damen. Die sind zumindest stimmlich gut aufgestellt. Arminia Priebe singt mit wunderbar leuchtender Stimme die Hanna Glawari. Darstellerisch bleibt sie dagegen blass. Als Gesandtengattin Fanny ist Einat Aronstein mit ihrem frischem Sopran, aber eher schwacher Bühnenpräsenz unterwegs.   Mit seinem geschmeidigen warmen Bariton fesselt Carl Rumstadt. Der begnadete Komödiant wirkt (wohl coronabedingt) hier darstellerisch allerdings ausgebremst. Zu hart klingt Derek Rues metallischer Tenor als Wladi. Ein ahnungs- wie hilfloser Depp ist Karsten Schröter mit seinem gesetzten Bass. Engagiert agiert der von Martin Folz geleitete Opernchor. Der rustikalen Inszenierung  folgen die Musiker des zuweilen dick auftragenden Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier (Leitung: Wouter Padberg).

Bleibt noch anzumerken, dass Bühnenbildnerin Beate Zoff nach der Pause die Handlung in ein Rad aus Pfauenfedern verlegt, deren Inneres dem Interieur des „Maxim“ nachgebildet ist. Hinten grüßt Moulin Rouge. Das führt auch zur Auflösung der Frage, was denn nun mit  Hannas  millionenschwerem bei Heirat aufzuspannendem Rettungsschirm wird. Auch da hat Langner aktualisiert. Zwar ist das ererbte Geld futsch. Aber darauf ist Hanna nicht angewiesen. Hat sie sich doch ein eigenes Vermögen mit dem Betrieb des Maxims und anderer Etablissements erarbeitet. Na ja. Soviel Emanzipation muss dann auch nicht sein. Fazit: Trotz abschließendem Can Can mit provokant präsentierten Hinterteilen: Die Trierer „Lustige Witwe“ fährt mit viel Einsatz, aber angezogener Handbremse. Herzlicher Applaus!

Nächste Termine: 31. Oktober, 20., 26. November, und 18. Dezember, 19.30 Uhr, Theater Trier.