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Wo der Zorn der Wagnerianer wütete

Wo der Zorn der Wagnerianer wütete

TRIER. (Dil) Während einige auserwählte Wagner-Freaks in Bayreuth den eher mittelprächtigen neuen "Ring" von Tankred Dorst erleben, bietet sich für Trierer Opern-Fans eine ideale Option, den legendären "Jahrhundertring" in der Version von Patrice Chereau und Pierre Boulez zu genießen. Das Kino "Broadway" und der Richard-Wagner-Verband machen’s möglich.

Es ist fast auf den Tag genau 30 Jahre her, dass sich im Opernhaus auf dem grünen Hügel zu Bayreuth Ungeheuerliches ereignete. Seriöse Herrschaften in Frack und Smoking brüllten nicht zitierfähige Schimpfwörter durch den Saal, gerieten in Handgreiflichkeiten, grölten - wie heimliche, unter Insidern bis heute hoch gehandelte Aufnahmen dokumentieren - mitten in die laufende Aufführung, so dass man über weite Strecken weder Orchester noch Sänger verstehen konnte. Es war das Aufeinandertreffen zweier Welten. Im Saal die eingefleischten Wagner-Traditionalisten, im Orchestergraben und hinter der Bühne ein Duo, das wild entschlossen war, den Ring des Nibelungen in die veränderte Welt der Nach-68er-Zeit zu holen. Regisseur Patrice Chereau, gerade mal 32-jähriges enfant terrible der französischen Theaterszene, und Pierre Boulez, radikaler Neuerer am Dirigentenpult, erfanden im Sommer 1976 Wagners Opus neu. Ausgerechnet der als konservativ verschrieene Wolfgang Wagner hatte den fast gänzlich opern-unerfahrenen Chereau geholt, der den Ring nach eigenem Bekenntnis "weniger als Oper denn als großes Theater" verstand, ganz im Sinne des Ahnherrn Richard Wagner. Chereau und sein Bühnenbildner Richard Peduzzi fanden Chiffren, die für die damalige Zeit atemberaubend neu waren. Kein kruder Naturalismus wie in der Vorkriegszeit, keine abstrakte Bilderflut wie nach 1945 bei Wieland Wagner, stattdessen eine faszinierende gesellschaftlich-politische Interpretation, kombiniert mit glaubhafter Darstellungskunst, wie man sie von Opernsängern bis dato nicht kannte. Das Premieren-Publikum aber sah Heiligstes angegriffen. Die Rheintöchter als Freudenmädchen, heruntergekommene Industrie-Kulissen, Gunter und Hagen im Smoking: Der Zorn über Äußerlichkeiten war so groß, dass er jeden Blick auf die Genialität des Konzepts verstellte. Dabei hatte Chereau - gemessen an heutigen Maßstäben - nicht wild provoziert, sondern lediglich Gewohnheiten gebrochen. Wie sehr der "Jahrhundertring" (er hieß ursprünglich so, weil er hundert Jahre nach dem ersten Ring herauskam) die Opernwelt beeinflusste, lässt sich beim Betrachten der Video-Aufnahmen, die mit riesigem Aufwand 1979 und 1980 gemacht wurden, nachvollziehen. Vieles ist als "Klassiker" in die Bilder- und Bewegungsästhetik der Oper eingegangen. Nachdem der letzte Vorhang in Bayreuth gefallen war, begann mit Ruth Berghaus in Frankfurt, Harry Kupfer in Berlin, Herbert Wernicke in Brüssel die Ära des Regie-Theaters. Bis heute hat kein Ring die Dimension und die Strahlkraft Chereaus erreicht. Auch das schlanke, differenzierte Klangbild, das Boulez 1976 dem Orchester sogar gegen Streikdrohungen abtrotzen musste, hat noch Referenz-Charakter. Für junge Sänger wie Siegfried Jerusalem, Matti Salminen, Peter Hofmann, Hanna Schwarz oder Jeanine Altmeyer begann eine große Wagner-Karriere. Das größte Wunder bewirkte der Jahrhundertring allerdings in Bayreuth selbst. Von Jahr zu Jahr wandelte sich die Ablehnung des Publikums in Zustimmung. Als 1980 die letzte Götterdämmerung zu Ende ging, gab es 85 Minuten (!) Ovationen und mehr als 100 Vorhänge einer völlig enthusiasmierten Zuschauerschar. Wie das kam, darüber geben die Video-Mitschnitte Auskunft. Zu sehen sind sie am morgigen Freitag, 18.30 Uhr (Rheingold) sowie an den folgenden drei Sonntagen jeweils um 17 Uhr im Broadway-Kino. Vor "Rheingold" gibt es eine Einführung mit Heinz Asshoff vom Trierer Wagner-Verband sowie dem Pianisten Klaus-Peter Bungert.