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Wo sind die Blumen geblieben?

Wo sind die Blumen geblieben?

Von unserem Mitarbeiter FRANK LAUFENBERGNEW YORK. In den 1960er Jahren griffen Bob Dylan,Donovan und Joan Baez in die Saiten, um gegen denViet- nam-Krieg zu protestieren. Nirgendwo aber ist ein Sänger zu sehen, der einen Song gegen den drohenden Irak-Krieg schreibt.

Cat Stevens kommt wieder aus der Deckung. Viele Jahre lang hat er lediglich islamische Kinderlieder auf Platte gebannt. Vorher beschwor er schon 1971 in einem seiner größten Erfolge den "Peace Train". Jetzt kommt von ihm, der sich inzwischen Yusuf Islam nennt, eine Platte, die sich deutlich gegen einen Irak-Krieg ausspricht. Lieder gegen den Krieg gab es zu allen Zeiten und in allen Sprachen. Die Möglichkeit, diese Lieder auf Platten zu konservieren, trug dazu bei, dass wir auch heute noch Protestsongs des 20. Jahrhunderts jederzeit zur Verfügung haben. Aber während die Texte von Robert Gilbert zum "Stempel-Lied" oder das "Lied der Arbeitslosen" aus dem Jahr 1930 völlig aus der Erinnerung verschwunden sind, sind Gilberts Texte zu "Ein Freund, ein guter Freund" oder "Das gibt‘s nur einmal" aus der selben Zeit vielen präsent. Die 60er Jahre und die Friedensbewegung machten den Protestsong populär. Interpreten wie Joan Baez, Bob Dylan, Phil Ochs, Buffy St. Marie oder noch früher die Weavers und Woody Guthrie verpackten ihren Protest in gefällige Melodien. Die Songs der deutschen Friedensbewegung kamen immer eckig daher, meist auch dilettantisch vorgetragen - und von daher schon absolut unkommerziell. Die Love & Peace-Bewegung und die Hippies schwemmten in der zweiten Hälfte der 60er Jahre viele Protestsongs selbst bis an die Spitze der Hitparaden. Unklar bleibt, ob es die Texte waren, die hier beeindruckten, oder die eingängigen Melodien. Wenn also Barry McGuire in seinem Lied "Eve of Destruction" den Untergang der Welt prophezeit, ist das eigentlich keine Platte, die man sich mal kurz in der Musikbox drückt. Man tat es trotzdem im Jahr 1965. Die Eskalation des Vietnam-Kriegs trug dazu bei, dass die Anzahl der Anti-Kriegs-Lieder in den USA sprunghaft zunahm. Selbst Marvin Gaye, der sich vorwiegend um zwischenmenschliche Liebesbeziehungen gekümmert hatte, stellte jetzt die Frage "What‘s Going On" - und darin die Zeile "war is not the answer". Edwin Starr sprach den Krieg direkt an in seinem Song "War" und fragte "Krieg - wozu bist du gut? Die einzigen, die davon profitieren, sind die ‚undertaker‘". Ein Wortspiel, denn Undertaker ist einmal der Bestattungsunternehmer und zum anderen der Unternehmer schlechthin. Jedes Anti-Kriegs-Lied spülte allerdings auch patriotische und kriegsverherrlichende Lieder in die Hitparaden. Eins der schlimmsten Werke dieses Genres ist "The Ballad Of The Green Berets" von Staff Sgt. Barry Sadler. Donovan sang in England gegen den Krieg - und in Deutschland forderte Nicole später im Auftrag von Ralph Siegel "Ein bisschen Frieden". Schon damals fragte man sich: wieso ein bisschen? Zyniker stellten fest: Ein bisschen schwanger geht auch nicht. Die deutschen Liedermacher der 70er Jahre sangen ziemlich ungehört etliche Lieder für den Frieden und gegen den Krieg. Unvergessen die Pete-Seeger-Frage "Where Have All The Flowers Gone", 1962 in deutscher Sprache als "Sag mir, wo die Blumen sind" hervorragend interpretiert - und hoch in den Hitparaden - von Marlene Dietrich. Die brachte weitere Anti-Kriegs-Lieder wie "Die Antwort weiß ganz allein der Wind", "In den Kasernen" und "Wenn die Soldaten..." Das Engagement all dieser Künstler hat jedoch wenig bewirkt. Während sich die US-Interpreten Ende der 60er Jahre langsam an den Vietnam-Krieg herantasteten, bleibt heute keine Zeit mehr, sich mit einem Irak-Krieg so zu beschäftigen, dass daraus noch ein mehrheitsfähiger Song würde. Dazu kommt, dass das Radio inzwischen durch seine Formatierung kaum noch Platz für solche Lieder lassen würde. Die Schere im Kopf der Redakteure würde einen Einsatz dieser Songs schon im Vorfeld stoppen. Und wenn es heute Anti-Kriegs-Lieder gibt, werden sie auch auf eine ganz andere Art und Weise vorgetragen als in den 60er Jahren. Aus den Klampfen-bewehrten Langhaarigen sind Rapper und HipHopper geworden. Aber erreicht werden mit Anti-Kriegs-Liedern meist sowieso nur diejenigen, die um die Problematik bereits wissen und sowieso eine Anti-Kriegs-Haltung haben. Der Rest tanzt dazu. 1970 hatten die Temptations einen weltweiten Erfolg mit dem Titel "Ball of Confusion". Da singen sie: "Angst liegt in der Luft. Überall Spannung. Die Arbeitslosigkeit steigt ständig. Und man kümmert sich um die neueste Platte der Beatles. Die Überbevölkerung gleitet uns aus der Hand. Selbstmorde. Zu viele Gesetze. Und überall auf der Welt rufen Menschen ‚Beendet den Krieg‘. Und dazu spielt die Musik."