1. Region
  2. Kultur

Woandershin wollen, doch nie ankommen - Uraufführung von "Happy Hour" am Theater Trier

Woandershin wollen, doch nie ankommen - Uraufführung von "Happy Hour" am Theater Trier

"Die rote Wand" sollte es werden, "Happy hour" ist es geworden: Die neue Trierer Auftragsarbeit wird am Freitag am Trierer Theater uraufgeführt.

Als der ehemalige Trierer Intendant Karl Sibelius verkündete, den Fall Tanja Gräff in einem Theaterstück, das der gebürtige Trierer (und in Bonn lebende) Dramatiker Lothar Kittstein schreiben sollte, auf die Bühne zu bringen, sorgte dies für einen Skandal. Dabei wäre es nicht um die Person der Studentin gegangen, wie der Autor in einem Brief an den TV beteuerte, sondern darum, "dass sich eine ganze Stadt als Opfer sieht und gleichzeitig eine Verstorbene als einen Teil von sich wahrnimmt und Anspruch darauf erhebt, Vertreter dieser Toten zu sein". "Die rote Wand" wurde nicht gebaut, stattdessen der Autor beauftragt, ein anderes Stück für das Trierer Theater zu schreiben.
Herr Kittstein, wie war Ihre Reaktion, als Sie erfuhren, dass "Die rote Wand" nicht realisiert werden würde?

Lothar Kittstein: Das Stück gab es noch gar nicht. Es war nur eine Idee von uns. Das war ja auch ein Grund, weshalb ich diesen Trierer "Skandal" darüber so fehl am Platz fand.

Ist das nicht auch ein Kommunikationsproblem gewesen? Wenn Sie Ihre Absichten von vornherein unmissverständlich klargemacht hätten, hätte es diesen Skandal doch gar nicht gegeben?
Kittstein: Da bin ich nicht ganz sicher. Das Theater hat bei der Ankündigung ja recht deutlich gesagt, dass es um eine Auseinandersetzung mit den Mechanismen geht, die so ein Fall in einer Stadt auslöst. Ich habe aus den sozialen Medien den Eindruck gewonnen, dass sich da ein Berg aus Ressentiments und Aggressivität gegen eine Kunstform gerichtet hat, den wir mit keiner Erklärung der Welt hätten abtragen können.

Glauben Sie, dass die Nichtexistenz des Stückes auch mit den damaligen verwaltungstechnischen, personellen oder wie auch immer gearteten Problemen am Trierer Theater zu tun haben könnte?
Kittstein: Das kann ich von außen nur schwer beurteilen. Natürlich findet man es als Autor merkwürdig, dass ein Projekt, das der Intendant vorher mit offenen Armen begrüßt hat und unbedingt haben wollte, plötzlich abserviert wird. Ich halte es immer noch für eine unglückliche Entscheidung, denn ich glaube nach wie vor, dass wir das künstlerische Recht haben, uns mit einem Thema zu beschäftigen, das nun mal in der Öffentlichkeit war und bei dem man jedem Zeitungs- und Fernsehredakteur zugestehen würde, darüber zu berichten.

Wie haben Sie auf die Absage reagiert?
Kittstein: Natürlich habe ich mich geärgert, weil da viel Recherchearbeit weitgehend ins Leere gelaufen ist. Aber vor allem auch über die Beleidigungen und Beschimpfungen. Außerdem hat mich der Anspruch überrascht, den die Stadt plötzlich auf eine verstorbene Person für sich erhebt - als wäre sie ein kollektives Eigentum, das man verteidigen müsse. Genau das wäre dann auch das eigentliche Thema des Stücks gewesen.

Jetzt also "Happy hour". Die nun gar nichts mit Ihren ursprünglichen Plänen zu tun hat?
Kittstein: Es ist ein ganz anderes Stück, klar. Dennoch ist, wie ich finde, thematisch etwas erhalten geblieben - etwa das Echo von einer provinziellen Enge, vom Im-eigenen-Saft-Kochen und da nicht rauskommen können. Obwohl ich bewusst kein realistisches Lokalkolorit hineingeschrieben habe, hat es für mich als ehemaliger Trierer auch mit der Frage zu tun: Wie geht man mit so einem Gefangensein um, in dem man von der großen weiten Welt so merkwürdig abgeschnitten ist? Und wie mit der Trauer, wenn man sich von all dem loslösen will?

Haben Sie eigene Erfahrungen verarbeitet?
Kittstein: Das würde ich so nicht sagen. Natürlich hat man die Emotionen, die man schildert, immer auch ein Stück weit selbst erlebt. Sonst könnte man nicht darüber schreiben.

Wie würden Sie das Thema von "Happy Hour" knapp zusammenfassen?
Kittstein: Es geht um die Sehnsucht nach früher, um die Zerrissenheit von drei Menschen zwischen der Realität, in der sie sind, und jener, in die sie sich hineinwünschen. Es geht um den Wunsch, woandershin aufzubrechen, und um Erinnerungen an früher, als alles noch groß und offen war.

Frau Buddeberg, es gibt nichts Schlimmeres für einen Regisseur oder eine Regisseurin, heißt es, als wenn der Autor bei der Inszenierung dabei ist. Sehen Sie das auch so?
Alice Buddeberg: Er ist ja zum Glück nicht dabei. Heute ja, aber wir haben nicht fünf Wochen miteinander geprobt. Und glücklicherweise gibt es mit diesem Autor kaum Probleme. Es ist allerdings auch schön, dass man es mit einem lebenden Dramatiker zu tun hat, bei dem man eventuell noch mal nachfragen kann.

Trotzdem ist der Schriftsteller jemand, der nicht mit auf der Probe zu sitzen hat. Wie macht man aus einem nackten Text ohne Bühnenbeschreibung oder Regieanweisungen ein Theaterstück?
Buddeberg: Erstens bin ich sehr froh über das Fehlen von Regieanweisungen, weil ich das für eine übergriffige Art von Autoren halte. Zweitens ist es aber auch ein in gewisser Weise zwingender Text. Es sind sehr klar geschriebene Dialoge, die eine sehr gute Spielvorlage abgeben.

Wird man bei "Happy hour" auch etwas zu lachen haben?
Buddeberg: Das hängt ganz von Ihrem Humor ab.

Uraufführung ist am Freitag, 12. Mai, 19.30 Uhr, im Studio Trier.Interview Lothar Kittstein und Alice BuddebergExtra: DRAMATURG UND AUTOR


(no) Lothar Kittstein wurde 1970 in Trier geboren, machte Abitur am Max-Planck-Gymnasium und studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Hannover und Bonn, wo er 2001 in Neuerer Geschichte promovierte. 2003 begann er für die Bühne zu schreiben. Sein erster großer Theatererfolg war "In einer mondhellen Winternacht" (Uraufführung 2006 am Hamburger Thalia Theater). Kittstein arbeitet als Dramaturg (seit 2013 am Theater Bonn) und freier Autor. Er ist verheiratet mit der Schauspielerin Birte Schrein, für die er unter anderem das Stück "Böses Mädchen" und "Schatten" schrieb, in dem sie Hannelore Kohl verkörperte. Das Paar hat drei Kinder.Extra: DAS STÜCK "HAPPY HOUR"

Woandershin wollen, doch nie ankommen - Uraufführung von "Happy Hour" am Theater Trier
Foto: (g_kultur


(red) Lisa zieht weg. Der Wagen ist gepackt, das Zimmer leergeräumt. Petra wird bleiben: in der dörflich geprägten Gegend, wo beide aufgewachsen sind. Hier jobbt sie als Thekenkraft in der Kneipe. Dort beginnt die letzte Nacht für Lisa. Sie will mit ihrer alten Freundin feiern - bis die Sonne aufgeht. Aber je später es wird, desto stärker verschwimmen Erinnertes, Erlebtes und Erhofftes. Ein Stück über die Unentrinnbarkeit der Provinz und die zerstörerische Sehnsucht nach einem anderen Leben.