Woher komme ich? Warum bin ich hier?

Woher komme ich? Warum bin ich hier?

Jetzt sind sie also da, die neuen Tänzer der Sparte Tanz am Theater Trier. Was sie bei ihrer Ankunft bewegte und was sie dabei erlebten, berichten sie (natürlich tänzerisch) in Susanne Linkes neuer Tanztheaterproduktion "Nemmokna", mit der sich das neue Ensemble vorstellt.

Trier. Schon der Name macht neugierig. "Nemmokna" heißt die neue Tanztheater-Produktion von Susanne Linke, die am Samstag in Trier Premiere hat. Was verbirgt sich wohl in diesem rätselhaften Wort, das einem Spanisch, soll heißen dem einen Griechisch und dem anderen Finnisch vorkommt. Nichts von beiden ist es. Wer "Nemmokna" mal von hinten angeht, kennt die Lösung: Die merkwürdige Wortschöpfung ist nichts anderes, als die umgekehrte Lesart des Wortes "Ankommen".
Tatsächlich geht es bei dem neuen Stück um solches Eintreffen, genau genommen um die Ankunft der Tänzer in Trier, die sich als Tanzensemble-Company Susanne Linke um die Choreografin und Tanzsparten-Chefin formiert haben. Es ist eine internationale Truppe, deren zehn Mitglieder plus zwei Gäste und einem Tanzeleven aus der ganzen Welt von Brasilien bis Kasachstan stammen.
Zauber und Unsicherheit


Das Motiv der Ankunft und der unausweichlich vorhergehende Aufbruch gehören seit jeher zu den großen Themen aller künstlerischen Sparten. Als Wegmarken des Lebens verbinden sich mit Ankunft und Aufbruch Freude, Furcht, Hoffnung, Entdeckung wie Ernüchterung, zuweilen auch Heimat- und sogar Identitätsverlust. All das wird in Susanne Linkes Tanztheaterstück über die Bewegung reflektiert. Somit ist auch der Titel viel mehr als ein exotisch anmutendes Wortgebilde, das dann doch leicht zu enträtseln ist. In seiner Umkehrung steckt die ganze Ambivalenz und Doppelbödigkeit der Ankunft, der Zauber des Neubeginns wie seine Unsicherheit, der Zugewinn wie der Verzicht.
"Ich will, dass der ganze Mensch tanzt." Susanne Linkes Schaffensprinzip gilt auch für ihr neues Projekt, bei dem Waltraut Körver die Tanzdramaturgie übernahm. Auf der Grundlage der von Linke entwickelten Bewegungsmuster leben die Tänzer ihre Erfahrungen beim Wechsel nach Trier aus und hinterfragen sie. Dabei bleibt der Gestaltungsspielraum offen. Mittels Improvisation können die Trierer Neuankömmlinge Bewegungsabläufe erweitern und ihre ganz eigene Körpersprache entwickeln. Gleichwohl - da ist Susanne Linke unerbittlich: "Die Technik muss stimmen." Und natürlich müssen die Bewegungsmuster schlüssig sein.Lob von der neuen Chefin


Gemeinsam mit den Tänzern ein neues Stück zu erarbeiten, bleibt selbst für die erfahrene weltläufige Choreografin ausgesprochen spannend. "Es reizt mich jedes Mal zu erleben, was man gemeinsam aus einem Projekt herausholen kann", sagt Susanne Linke. Voller Lob ist sie über ihre Trierer Truppe. Die Tänzer seien hochmotiviert und mit Spaß und kreativem Engagement bei der Sache.
Zugrunde gelegt ist der tänzerischen Reflexion über das Ankommen ein Gedicht aus der Sammlung "Sieben Zehntel eines Kopfes" des russischen, erst im Zuge der Perestroika hierzulande bekannt gewordenen Dichters Daniil Charms (1905-1942). Darin werden die grundlegenden Fragen der Ankunft gestellt: "Woher komme ich? Warum stehe ich hier?" Auch Charms Gedichte sind im Übrigen so etwas wie eine lang erwartete Ankunft. Der Dichter, der mit der russischen Avantgarde vor langer Zeit geistig aufgebrochen war, brauchte bis zur Zerschlagung des politischen Systems, um endlich im Westen anzukommen.
Jede Menge Eindrücke vom Ankommen erwarten die Theaterbesucher in der neuen Produktion. Allerdings: Mag auch die Ankunft noch so geglückt sein - fest steht, was Goethe so ausdrückte: "Man reist ja nicht, um anzukommen."
Premiere am Samstag, 30. Januar, um 19.30 im Großen Haus, Weitere Termine: 5., 13., 14., Februar, 8. März, 10. April, 15. April.
Karten an der Theaterkasse, Telefon 0651/718-1818, und auf teatrier.de/karten