Worte wie Töne

Elazar Benyoetz, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Aphoristiker deutscher Sprache, ist ein Meister der Sprachverdichtung und des Sprachspiels. Seine philosophischen Betrachtungen verpackte er in der Wittlicher Synagoge in Worte, die aus Sprüchen Juwelen machten.

Wittlich. "Die deutsche Sprache ist der Juden Loreley", ein Vergleich mit einer Anspielung auf das berühmte Gedicht des Juden Heinrich Heine, der wie ein Hammer ins Bewusstsein niedersaust. Im Hinterkopf die Legende, nach der eine verführerische Nixe Seefahrern den Tod bringt. Elazar Benyoetz bringt diesen Satz am Dienstagabend bei seiner Lesung in der Wittlicher Synagoge. Der jüdisch-israelische Dichter, preisgekrönt für seine deutschsprachigen Aphorismen, ist auf Einladung des Emil-Frank-Instituts zu den Wittlicher Kulturtagen gekommen.
Die Kulturtage stehen in diesem Jahr unter dem Thema Sprache. Elazar Benyoetz bringt es in einer enormen Komplexität zu Gehör. Seine Gedanken in den vorgetragenen Satzsplittern gänzlich zu erfassen, ist fast unmöglich. Die Zuhörer schwimmen in seinem Sprachfluss, ständig in der süßen Gefahr, trotz höchster Konzentration darin unterzugehen. Allzu flüchtig sind die gesprochenen Worte, die er "Lippenstiftungen" nennt. Zwar sind die Wörter natürlich bekannt, aber in derart ungewöhnlicher Weise in Beziehung gesetzt, dass sie nicht in die Bahnen eingefahrener Assoziationen passen. Die Kunstfertigkeit des 76-Jährigen erscheint umso ungewöhnlicher, weil er sich erst in der Hälfte seines Lebens für den Wechsel von der hebräischen zur deutschen Sprache entschied.
In seiner Lesung geht es um die biblische Schöpfungsgeschichte, das Beten, die Liebe und das Alter. Gleichzeitig klingt die postmoderne Sprachtheorie mit. "Zwischen Ding und Wort gefangen, kann man sich nur herausreden", spricht Benyoetz die Erkenntnis an, dass das Wort stärker ist als die Realität, also die Sprache das Denken bestimmt.
Seine Sprache ist klar, ohne Schnörkel und doch geheimnisvoll. Benyoetz spannt ein Netz aus Worten, das den Verstand wie ein Traum umfängt. Mysteriös, spannend und schwer zu greifen. Das Publikum schließt die Augen, um seinen Gedanken folgen zu können. Nach 90 Minuten steht "es ist volldacht". Meint zu Ende gedacht und damit vorbei.
Wer Benyoetz hörte, der entdeckte spätestens an diesem Abend die Liebe zur deutschen Sprache. Die 30 Zuhörer jedenfalls erfuhren, welche Schönheit in ihr schlummert, weil sie einem Begnadeten lauschten, der mit Worten spielen kann wie ein Musikvirtuose mit seinem Instrument. Ein solcher begleitete die Lesung und sorgte für Entspannungspausen: Kolja Lessing spielte auf der Violine und dem Klavier. sys