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Wuchtig, flirrend, mystisch

Überwältigendes Raumerlebnis: Mit den Kathedralklängen wird das Mosel Musikfestival eröffnet. Foto: Artur Feller
Überwältigendes Raumerlebnis: Mit den Kathedralklängen wird das Mosel Musikfestival eröffnet. Foto: Artur Feller FOTO: ARTur (g_kultur
Trier. Bruckner und der Trierer Dom - wirkungsvoller hätten die Kathedralklänge im Kultursommer Rheinland-Pfalz gar nicht weitergehen können. Karlheinz Steffens und die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz entfalteten in der ältesten deutschen Bischofskirche eindrucksvoll die gewaltige Klang-Architektur der achten Sinfonie. Martin Möller

Trier. Es war ein verhaltener Anfang. Die ersten Takte von Bruckners Achter hatten etwas Verschlossenes, mystisch Raunendes. Und der Dialog zwischen Streicher-Bassgruppe und Holzbläsern klingt im Trierer Dom, als käme er aus weiter Ferne. Aber dann überfällt der erste, große Orchestereinsatz den Hörer. Und da weitet sich der Orchesterklang zu einer gewaltigen Fülle. Im Hall der Trierer Bischofskirche nimmt die Musik den Hörer ganz in seine Mitte - ein überwältigendes Raumerlebnis.
Karlheinz Steffens, Chefdirigent der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, wusste, warum er das Konzept von den Kathedralklängen erfand. Gerade bei Bruckner klingen im Hall der rheinland-pfälzischen Bischofskirchen die Höhepunkte weit und offen und die leisen Passagen fern und entrückt - ganz anders als der Konzertsaal-Bruckner mit der Gefahr starker, aber enger Orchesterklänge.
Mosel Musikfestival


Wahr ist allerdings auch: Bruckner als Kathedralmusik ist mit Risiken verbunden. So wuchtig sich im Trierer Dom der Klang entfaltet - Details bleiben in diesem Raum auf der Strecke. Obwohl Steffens mit seinem Dirigat kompromisslos auf Präzision setzt, schleichen sich im akustischen Resultat Unschärfen ein. Und die können gerade bei der Achten mit ihrer Wagnernahen Chromatik und den Ansätzen zum Wagnersch'en Mischklang ein Problem werden.
Am höchsten waren die akustischen Hürden wohl im Scherzo-Satz. Da verschwimmen die flirrenden Streicher-Tremoli, und die Bläser-Einwürfe wirken zufällig. Zudem nimmt Steffens das Trio allzu rasch (Bruckner: "Langsam") und gibt ihm einige Atemlosigkeit mit.
Ja, Defizite bleiben. Und dennoch fällt die Gesamtbilanz dieser Interpretation überwältigend positiv aus. Das Adagio, Herzstück der gesamten Sinfonie, entfaltet unter den Händen von Steffens und seinem Orchester eine einzigartige Gewalt und Tiefe, Wucht und mystische Versenkung. Wahrzunehmen, wie sich aus dem verhaltenen Begleitapparat der Streicher die ersten Violinen herauslösen und die Führung übernehmen, wird zum nachhaltigen Erlebnis.
Karlheinz Steffens beschwört die Räumlichkeit von Bruckners Erfindung - ihren Kathedralcharakter. Wenn sich im dritten Abschnitt des Satzes die Streicher in ein Klangnetz von raschen Sechzehntelfiguren auflösen und darüber die Bläser ihren gewaltigen Klang-Dom errichten, dann erreicht die Interpretation eine religiöse Energie sondergleichen.
Und noch etwas zeichnet diese Interpretation aus. Steffens gelingt es vom ersten Takt an, die Generalpausen und die nur scheinbar unverbundenen Sektionen in dieser Sinfonie zu einem großen, spannungsvollen Ganzen zu verbinden. Mögen Details untergegangen sein - der gewaltige Bogen dieser Interpretation hinterließ bei den rund 800 Besuchern einen tiefen Eindruck.
War Johann Nepomuk Davids Chaconne a-Moll die passende Einleitung zum Brucknersch'en Großwerk? Gewiss haben diese Sinfonie und die Orgelkomposition wenig miteinander zu tun. Aber genau da liegt die Pointe der Programmdisposition: David imitiert Bruckner nicht und sucht ihn ohnehin nicht zu übertreffen. Mit der Komposition, die 1927 aus dem Geist der damaligen Orgelbewegung entstand, besetzt er stilistisch einen Bereich, den Bruckner freilässt.
Domorganist Josef Still brillierte zudem in dieser technisch anspruchsvollen Musik, die ihren Reichtum hinter einer abweisenden Außenseite versteckt. Vielleicht ergibt sich nach dem Reger-Jahr 2016 ein David-Jahr - 2017, zum 40. Todestag des Komponisten.