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Zauber und Tragik im düsteren Märchenland

Jakob sucht seine Mutter auf 64 Seiten voller Zauber und Tragik. Foto: Cross Cult
Jakob sucht seine Mutter auf 64 Seiten voller Zauber und Tragik. Foto: Cross Cult
Zwei junge Autoren machen von sich reden. Felix Mertikat und Benjamin Schreuder, er hat in Trier studiert, haben mit ihrem Erstlingswerk "Jakob" die emotionale Tiefe der modernen Comickultur unterstrichen. "Jakob" zeigt, wie sehr sich die klassischen Comics mit bunten Superhelden in Strumpfhosen verändert haben. Von unserem Redakteur Jörg Pistorius

Trier. Der Tod durch Kinderaugen: Als der achtjährige Jakob eines Morgens aufwacht, findet er in der Wohnstube seines Zuhauses einen Mann vor. "Jakob, mein Junge", sagt dieser. "Deine Mutter ist von uns gegangen." Jakob versteht das nicht. Wo ist sie denn hingegangen, fragt er den Mann. Dieser wagt es nicht, zu einem Kind in klaren Worten vom Tod eines geliebten Menschen zu sprechen und folgt damit einer bis heute aktuellen familiären ebenso wie gesellschaftlichen Hemmschwelle. "Auf eine lange Reise", sagt er deshalb.

Das versteht Jakob. Wer reist, der kommt irgendwo an und kann dann dort gefunden werden. Also macht er sich auf die Suche nach seiner Mutter.

Die Tragik, die den Leser schon in den ersten Bildern der Comicnovelle "Jakob" trifft, begleitet ihn bis zum Ende und wird auf dem Weg dorthin immer stärker. Jakob durchwandert ein Fantasiereich, aber kein niedliches. Jakobs kindliche Naivität, getragen von schönen und ruhigen Bildern, begegnet Fremdartigkeit und auch Tücke in düsteren Gemälden. Er trifft den Rabenkönig, der über ein Reich aus Unrat herrscht, und einen Fuchs, der Jakob seine Jugend nimmt und den Jungen als Greis auf den letzten Teil seiner vergeblichen Suche schickt.

"Jakob" entstand als Abschlussarbeit des Animators und Zeichners Felix Mertikat am Animationsinstitut der renommierten Filmakademie Baden-Württemberg. Mertikat hat 2010 zusammen mit Benjamin Schreuder das Studio Zeitland gegründet. Über diese Partnerschaft wurde Schreuder, der am Friedrich-Spee-Gymnasium in Trier sein Abitur gemacht hat, zum Co-Autor von "Jakob".

Zum ersten Mal wurde ein Comicprojekt als Abschlussarbeit dieser berühmten Filmschule anerkannt - bei weitem nicht der erste Beweis, wie eng die von Bildern definierten Medien Comic und Film zusammenliegen und wie sehr ihre Techniken sich gleichen.

Die mit hohem technischen Aufwand verfilmten Klassiker "Sin City" und "300" des Kult-Comicautors Frank Miller gehören zu den kommerziell erfolgreichsten Kino- und DVD-Produktionen der vergangenen Jahre, ebenso wie das systematische Abfilmen Jahrzehnte alter Superhelden aus dem Verlagshaus Marvel. So brachten es Spiderman und die X-Men auf inzwischen je drei Filme, Iron Man und die Fantastic Four auf zwei, und dazwischen gab es den grünen Schlagetot Hulk.

Diese Stoffe, deren tricktechnische Souveränität heute für begeisterte Zuschauer und Produktionsfirmen mit im Akkord klingelnden Kassen sorgt, waren in den 70ern in gedruckter Form ein Alarmsignal für besorgte Eltern. Razzien im Kinderzimmer, um diesen Schund zu finden und zu verbrennen, waren damals an der Tagesordnung. Comics sind dumm und sie machen dumm - so sahen viele der Nachkriegsgeneration angehörenden Eltern die bunten Bilder.

Doch auch wenn die Filmwirtschaft heute mit den damals verteufelten Bildergeschichten große Erfolge feiert, definierte sich die Comicszene bereits ab den 80ern neu. Autoren wie der bereits erwähnte Frank Miller (Sin City), Alan Moore (From Hell) oder der Brite Neil Gaiman (Sandman) schrieben und zeichneten Storys, deren Tiefe und Komplexität ein erwachsenes Publikum erreichte.

Der Sandmann und die Bücher der Magie



Auch die bildhafte Darstellung änderte sich komplett, die simple Bild-mit-Sprechblase-Technik wurde bei Frank Miller zum meisterhaften Spiel mit Konturen, Schatten und nur zwei Farben. Neil Gaiman präsentierte in seinen Serien "Sandman" und "Die Bücher der Magie" - hier wurde Jahre vor Harry Potter ein kleiner bebrillter Brite namens Timothy Hunter zum großen Zauberer - keine einfache Folge von Bildern, sondern mit figurativer und farblicher Meisterschaft eher eine Serie von Gemälden, in denen der Betrachter lange verweilen konnte.

Benjamin Schreuder, Jahrgang 1981, orientiert sich übrigens nicht an großen Comicautoren wie Gaiman, sondern an Gemälden von Marc Chagall und Caspar David Friedrich oder den Geschichtswelten von Franz Kafka und Haruki Murakami. "Viele Ideen speisen sich auch aus Eindrücken während langer Spaziergänge auf den Feldern und in den Wäldern der Eifel", sagt Schreuder, der in Trier studiert und in Newel (Landkreis Trier-Saarburg) gelebt hat. Der erfahrene Beobachter wird die Eifel in "Jakob" wiederfinden.

Felix Mertikat und Benjamin Schreuder: Jakob, gebundene Ausgabe, 64 Seiten, Verlag Cross Cult; ISBN: 978- 3941248820.

Zur Person

Benjamin Schreuder, geboren 1981 in Schongau/Oberbayern, wuchs in Newel (Landkreis Trier-Saarburg) auf, studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie an der Uni Trier und wechselte dann nach Tübingen und Mainz, wo er 2008 seinen Magister in Filmwissenschaft sowie allgemeiner und vergleichender Literaturwissenschaft machte. "Jakob" ist Schreuders Comicdebüt. Er arbeitet als freier Lektor für mehrere Filmproduktionsfirmen und ist einer der Gründer des in Ludwigsburg sitzenden Studios Zeitland. Zurzeit ist er Drehbuchstudent an der Filmakademie Ludwigsburg. (jp)

Benjamin Schreuder. Foto: privat
Benjamin Schreuder. Foto: privat