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Zeigefinger bleibt unten

 Die Autoren Axel Hacke (links) und Giovanni di Lorenzo haben in Daun aus ihrem Buch „Wofür stehst du?“ gelesen. TV-Foto: Mario Hübner
Die Autoren Axel Hacke (links) und Giovanni di Lorenzo haben in Daun aus ihrem Buch „Wofür stehst du?“ gelesen. TV-Foto: Mario Hübner
Daun. Tiefe Einblicke in persönliche Bereiche, aber keine Moralpredigt: Die Journalisten und Bestsellerautoren Axel Hacke und Giovanni di Lorenzo haben im Rahmen des Eifel-Literaturfestivals in Daun davon berichtet, wofür es sich lohnt, im Leben einzustehen. Mario Hübner

Daun. Ah, endlich mal wieder ein Buch über Moral, ein Ratgeber, wie man korrekt durchs Leben schreitet. Darauf hat die Welt gewartet! Könnte man meinen und sich abwenden. Aber das haben zumindest die 540 Gäste nicht getan, die ins ausverkaufte Forum nach Daun gekommen sind, um die beiden bekannten Autoren und Journalisten, Axel Hacke und Giovanni di Lorenzo, live zu erleben. Deren Buch "Wofür stehst du?" ist anders als so viele Werke über Werte und Moral.
Zunächst einmal ist es klein, doch es hat es in sich: viele prägende Erinnerungen und Schilderungen sehr privater Gedanken und Selbstfindungsprozesse während Kindheit, Jugend, in Schule und Elternhaus, als Erwachsener.
Das Werk kommt eher leise daher, aber dadurch nicht weniger bewegend. Genau wie die beiden Autoren, die tunlichst den erhobenen Zeigefinger vermeiden. Hacke (56): "Das ist kein predigendes Buch, wir wollen nichts vorschreiben." Anlass war, sich den Fragen zu stellen, die sie bewegen - und zu sehen, wo und wofür sie heute selber stehen. Dabei haben sich die langjährigen Freunde zusammengesetzt, sich erinnert und vieles aufgeschrieben. So die Erzählungen vom kriegstraumatisierten Vater, der nur bei politischen Sendungen im Fernsehen Emotionen zeigt, ansonsten aber Frau und Sohn anschweigt.
Axel Hacke: "Dabei habe ich doch so sehr auf eine Reaktion meines Vaters gewartet, ja letztlich auch deswegen meinen Job als politischer Reporter ausgesucht - was mir erst viel später klarwurde." Oder die Geschichte des jungen Mannes, der es auch 20 Jahre später bitter bereut, dass er eine gute, damals 30-jährige Freundin bestärkt hat, ihr erstes Kind abzutreiben - und die später trotz des sehnlichen Wunsches keine Kinder mehr bekommt. Giovanni di Lorenzo: "Ich fühle eigene Scham und Schuld. Und deswegen habe ich mich bis heute nicht getraut, ihr mein Kind zu zeigen."
Zeit-Chefredakteur und Fernsehmoderator di Lorenzo (53), der in frühen Nachkriegsjahren als Grundschulkind mit seiner Mutter und dem Bruder von Italien nach Deutschland übersiedelte, gesteht: "Wir haben viel mehr von uns preisgegeben, als wir eigentlich wollten." Doch es sind genau diese Momente, in denen Intimstes berichtet wird, die berühren, bewegen, die Zuhörer in ihren Bann ziehen. Doch da die beiden Freunde an diesem Abend einen müden Eindruck machen, schaffen sie eines nicht: noch öfter mit ihrem Witz, Esprit und ihren Frotzeleien zu unterhalten.