Zeit fürs Zuhören

TRIER. (mö) Der Madrigalchor mit festlichen Kompositionen aus seinem CD-Programm in St. Irminen und dazu die Familie Recktenwald - eine solche Ankündigung klingt nach Hausmusik mit Publikum. Aber der Anschein trügt.

Nicht beschaulicher Dilettantismus, sondern exzellente Chorkultur - das war das geheime Motto dieses Abends. Die einleitenden Spirituals: prägnant und federnd im Rhythmus, dezent, kultiviert und geschmeidig in der Tongebung, deutlich und flexibel in der Sprache und bei aller Disziplin frei und spontan. Die Kantaten des 17. und 18. Jahrhunderts: mit respektablen Soli, ohne historisierende Finessen, aber so einfühlsam musiziert, dass jede Gefährdung durch Fehl- oder Überinterpretation ausblieb. Und dazwischen Liedsätze aus dem vergangenen Jahrhundert: schlicht und doch mit Wärme und Engagement musiziert. Dieses Programm war bunt und doch einheitlich. Nicht nur, weil es so anschaulich machte, dass Weihnachten die Räume und die Zeiten übergreift. Es war auch so geschickt arrangiert, dass sich kein Stück durch Ausdehnung oder Anspruch hervortat und die musikhistorischen Heroen nur gestreift wurden - mit Mozarts Sohn Franz Xaver und Gregor Joseph Werner. Unterschiedliche Stile, a-cappella-Stücke, instrumental begleitete und reine Instrumental-stücke fügten sich zu einem reizvollen Ganzen.Reizvolle Kombinationen

Die Instrumente waren nicht Zutat, sondern Bestandteil. Adelheid, Heinz, Michael und Ruth Recktenwald musizierten auf Block- und Querflöte, Harfe und Violoncello zum Chor und auch solistisch in unterschiedlichen, reizvollen Kombinationen. Sie taten das sicher, sorgfältig und ohne die Forcierungen falscher Professionalität. Und Klaus Fischbach, dieser allürenfreie, ja fast unbeholfen wirkende Musiker: Am Pult wie am Tasteninstrument - nichts wirkt angestrengt, aufgesetzt, inszeniert, alles bleibt durchdacht, unspektakulär und gerade darum am Fest der Lichter und der Besinnung um so eindringlicher. Und ganz nebenher wird spürbar, welche Präsenz der Chor seinem unauffälligem Dirigierstil verdankt, und viel davon verloren geht, wenn der Leiter sich mit der Tastatur beschäftigt. Klaus Fischbach hielt vor dem Schlussstück eine kleine Ansprache, rief zu einer Spende für St. Irminen auf, dankte dem Chor für sein Engagement und den Besuchern für ihr Interesse. Die Stiftskirche war übervoll. Für viele bedeutet Weihnachten doch noch mehr als nur Festessen, Tütenschleppen und Umtausch-Aktionen. Die Zeit zwischen den Jahren ist auch eine Zeit fürs Zuhören. Wie schade, dass die subventionierten Einrichtungen bislang davon kaum Notiz nehmen!