Zerrissene Lebensfäden

TRIER. Mit einem "Ein-Frau-Musical" eröffnet das Trierer Theater die Saison im Casino am Kornmarkt. Das Stück "Heute Abend: Lola Blau" von Georg Kreisler erzählt die Geschichte einer Schauspielerin im Umfeld der Nazi-Herrschaft.

Nanu? Ist das wirklich der Taubenvergifter und Kritikerverreißer, der Spötter und Sprachakrobat mit dem fröhlichen Zynismus, der die melancholischen Verse textete, die dieses skeptische, fast resignative Stück durchziehen? Bevor er in den 70er Jahren seine Heimatstadt Wien für immer verließ, hat sich der geniale Kabarettist Georg Kreisler ein Stück der eigenen Lebensgeschichte vom Leib geschrieben und komponiert - verfremdet in einer Frauengestalt. Lola Blau, die junge österreichische Schauspielerin, steht gerade vor ihrem ersten Engagement, als der Wahnsinn in Gestalt der Nazis Einzug hält. Als Jüdin muss sie das Land verlassen, auch aus der Schweiz wird sie ausgewiesen. In Amerika macht sie später Karriere als Sängerin - aber ganz anders, als sie es sich vorgestellt hat. Die Geschichte hat ihre Lebensfäden zerrissen. Als sie Jahre später nach Wien zurückkehrt, findet sie den selben alten Mief vor - und resigniert. Das Problem von "Lola Blau" ist, dass sich Kreisler nicht entschieden hat, ob es eine Revue oder ein Schauspiel sein soll. Die Songs sind stark, die Dramaturgie eher dünn. Da braucht es eine stringente Regie, die die inhaltlichen Durchhänger auffängt. In Trier ist Regisseur Markus Baumhaus nicht sehr viel eingefallen. Türen auf, Türen zu, "historische" Einblendungen vom Band, bei denen sich das unterhaltsame Rätselspiel aufdrängt, das jeweils sprechende Ensemble-Mitglied zu identifizieren. Aber die Fallhöhe zwischen Tragik und Ironie stimmt nicht, die Lebensgeschichte der Lola Blau entwickelt nicht die Dynamik, die den Abend zum Erlebnis machen würde. Vielleicht ein Resultat des Umstands, dass wenig Zeit war, um das kurzfristig ins Programm genommene Stück vorzubereiten. An Einzel-Ideen fehlt es nicht. Den Rausschmiss Lolas aus der Schweiz ausgerechnet von Joseph Schmidt musikalisch einleiten zu lassen, jenem von den Nazis verfolgten Sänger, der in einem Schweizer Internierungslager starb, zeugt von Sinn für die Ironie des Schicksals. Pluspunkte auch für Franz Münzebrocks Bühnenbild (eine Wand, ja ein ganzer Raum voller Koffer) und die facettenreichen Kostüme von Carola Vollath. Nach beklommenem Start freigespielt

Aber dass der Abend letztlich doch gelingt, hat vor allem damit zu tun, dass sich Claudia Felix nach beklommenem Start freispielt und -singt. Je mehr sie agieren darf, je mehr sie sich zutraut, desto intensiver werden die Momente. Stark interpretiert sie vor allem den Satiriker Kreisler, mit viel Sinn für hintergründige Momente und deftige Parodien. Fast wünscht man sich, der stereotype Handlungsrahmen und die arg klischeehaften, per Tonkonserve auftauchenden Nebenfiguren ließen sich einfach einsparen und man könnte Felix pur genießen. Pardon, natürlich nicht pur, sondern begleitet von der aufmerksamen Ketino Ruchadze, deren szenischer Part als Gegenpol am Klavier leider über Ansätze nicht hinaus kommt. Musikalisch arbeitet sie präzise und einfühlsam, ein bisschen mehr Mut zur Verve könnte nicht schaden. Unterm Strich ein Abend, der noch zulegen kann - und auch wird, wenn die Beteiligten mit wachsender Routine wagen, auf die kräftigeren Farben der Palette zurückzugreifen. Das Publikum bei der Premiere, darunter viele Ensemble-Mitglieder, geizte jedenfalls nicht mit Beifall. Termine: 16., 28. Oktober; 5. und 18. November.

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