Ziel des Spotts

Armut in all ihren Facetten und quer durch die Zeiten ist noch bis Ende Juli in Trier zu sehen (der TV berichtete mehrfach). Das Rheinische Landesmuseum widmet sich dem christlichen Umgang mit Armut in der Antike.

Trier. "Das Schlimmste an elender Armut ist, dass sie einen Menschen zum Gespött der anderen macht", erkannte der spätantike Satiriker Juvenal mit römischer Nüchternheit. Er musste es wissen. Arm und elend zu sein, weil man sich seinen Lebensunterhalt weder selbst verdienen, noch Familie oder Freunde hatte, auf die man sich stützen konnte, galt in der Antike als würdelos. Wer aus dem sozialen Netz der antiken Clan- und Klientelgesellschaft gefallen war, galt als Versager. Doch Armut war nicht gleich Armut. "Eine fröhliche Armut ist ehrenwert", befand der Philosoph Seneca. Und für so manchen Denker der spätantiken dekadenten römischen Gesellschaft, der um die Perversionen des Reichtums wusste, war die Armut sogar "die Schwester des guten Gewissens". Im Rheinischen Landesmuseum wird all das - Elend und Ideal - in einer mehrteiligen Rauminstallation thematisiert. In der Zusammenarbeit von Universität und Fachhochschule Trier ist eine großzügige Abfolge entstanden, die Raum für Raum unterschiedliche Perspektiven des antiken Armutsbegriffes ins Bild setzt und gleichzeitig die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt. Dazu werden zeitgenössische Versatzstücke zum Thema Armut und antike Zeugnisse in einen bildlichen und inhaltlichen Zusammenhang gebracht. Ein Schichtenmodell der Gesellschaft des römischen Kaiserreichs aus Dosen verdeutlicht zudem Herrschafts- und Mehrheitsverhältnisse im antiken Rom. Das ist ein sehr spannendes Unterfangen, schon wegen der vielen herausragenden antiken Schaustücke aus der Zeit zwischen dem dritten Jahrhundert vor und nach Christus. Überdies sind zum Teil eindrucksvolle Raumbilder entstanden. Keine eindeutige Bildsprache

Nicht eindeutig ist dagegen häufig die Bildsprache. So kann die formal sehr gelungene Papptellerinstallation gleich zu Beginn gleichermaßen für ärmliche Verhältnisse wie für die moderne konsumfreudige Wegwerfgesellschaft stehen. Und auch der mit gequetschten Pfandflaschen ausgefüllte Boden einer Vitrine ist nicht ohne weiteres als modernes Armutszeugnis zu erkennen. Aber auch wenn sie bisweilen von der Inszenierung erdrückt werden, so bleibt die exquisite Qualität vieler antiker Stücke faszinierend. Die Schau endet mit einem interaktiven frühchristlichen Sarg, der zum christlichen Liebesgebot hinüberführt, und damit zu einem neuen Umgang mit Armut. Das schließlich sollte man sich auch klar machen: Die faszinierenden spätantiken Stücke - der ausgemergelte Bettler mit gigantischem Genital, der Zwerg, der Krüppel - sind nicht als Appell oder Ausdruck von Sozialkritik entstanden, sondern aus der dekadenten Lust am Grotesken, am Abseitigen und Anomalen. Juvenal hatte eben doch recht.Die Ausstellung ist noch bis 31. Juli zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr, umfangreiches Begleitprogramm. Weitere Informationen: Telefon 0651/97740, www.landesmuseum-trier.deMehr zum Thema unter www.volksfreund.de/armut

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