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Kultur: Zimmerschlacht auf Amerikanisch

Kultur : Zimmerschlacht auf Amerikanisch

Kathrin Mädler inszeniert am Theater Trier Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

Lieblingsstücke hängen nicht nur im Kleiderschrank. Sie stehen auch oft im Mittelpunkt von Diskussionen zwischen Schauspielern, Intendanten, Regisseuren. Zum Beispiel 1999, als Alexander May und Kathrin Mädler Regieassistenten am Wiener Burgtheater waren. Man plauderte über eben jene Lieblingsstücke; das Ihre war Edward Albees bekanntestes Drama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

Fast 20 Jahre später erinnerte sich May an die Worte seiner Kollegin und fragte sie, ob sie Lust hätte, den modernen Selbstzerfleischungsklassiker in Trier zu inszenieren. „Ich habe natürlich sofort Ja gesagt. Denn nach all den Jahren ist es für mich immer noch ein perfekt geschriebenes Stück mit unglaublich bösen, harten, witzigen, pointierten Dialogen. Und es ist fantastisches Schauspielfutter für vier Akteure.“

Der Titel des Dramas weckt Assoziationen. Doch welche? Verweist er auf das Kinderlied vom bösen, schwarzen Wolf aus einem Walt-Disney-Film, mit dem man sich die Furcht vor eben diesem Raubtier von der Seele singt? Oder ist nicht doch, wie es die Schreibweise nahelegt, die real existente Virginia Woolf gemeint, bedeutende Vertreterin der klassischen Moderne, die 30 Jahre nach ihrem Freitod 1941 eine Ikone der Frauenbewegung wurde? Die Assoziation, so weit hergeholt sie auch erscheinen mag, ist dennoch stimmig – zumindest über einige Umwege. Denn zur Erklärung muss man ein wenig ausholen (Achtung, jetzt wird’s akademisch). In Woolfes Roman „Die Fahrt zum Leuchtturm“ („To the Lighthouse“) erhält der Leser Einblicke in den „Bewusstseinsstrom“ von Mrs. Ramsay, einer der Protagonistinnen des 1927 erschienenen Romans: „Der Wahrheit mit … Mangel an Rücksicht auf andrer Leute Gefühle auf der Spur zu bleiben, die dünnen Schleier des Zivilisiertseins so mutwillig, so brutal zu zerschneiden, erschien ihr als Verstoß … gegen alle menschliche Anständigkeit.“

Genau dieser Mangel an Rücksicht prägt die Figuren im Kammerspiel von Edward Albee (1928 – 2016), in dessen Verlauf die „dünnen Schleier des Zivilisiertseins“ zahlreiche Risse bekommen. Ohne Wissen ihres Ehemannes George hat Martha den jungen Biologieprofessor Nick und seine schwangere Frau Honey nach einem offiziellen Fest in ihr Haus eingeladen. Geschichtsdozent George kennt die boshaften Gesellschaftsspiele seiner Ehefrau Martha nur zu gut. Als Tochter des Universitätsrektors besitzt sie Macht und Einfluss und liebt es, andere zu erniedrigen. Doch irgendwann an diesem alkoholunseligen Abend läuft das grausame Spiel gewaltig aus dem Ruder und endet in einer veritablen Zimmerschlacht.

„Für mich geht es in dem Stück vor allem um nicht gelebtes Leben“, erklärt Kathrin Mädler ihren Inszenierungsansatz. „Die Kernfrage lautet: Wie geben wir unserem Leben eine Richtung, einen Sinn? Wie werden wir glücklich?“ Martha und George sind an einem Punkt angelangt, an dem sich diese Fragen schon erübrigt haben. Oder vielleicht doch nicht? Die Trierer Inszenierung will daran zumindest einige Zweifel aufkommen lassen. Nick und Honey können dank ihrer Jugend noch alles richtig machen und haben das auch vor. Obwohl die Regisseurin nicht davon überzeugt ist, dass sie es auch tun werden, wenn sie ihre Figuren am Ende des Stückes – das übrigens ohne Pause gespielt wird, um den Spannungsbogen nicht zu kappen – in ihr restliches Leben entlässt.

Dem 1962 am Broadway uraufgeführten Drama beschied W. D. Maxwell von der „Chicago Tribune“, es sei voller „Krankhaftigkeit und sexueller Perversität, die nur dazu dienen, ein impotentes und homosexuelles Theater und Publikum zu kitzeln“. (Albee selbst war offen homosexuell, was in jenen Jahren sowieso skandalös genug war.) „Pervers ist es auf keinen Fall“, wiegelt Mädler ab. „Es hat natürlich eine Direktheit und eine Härte im Umgang miteinander, die damals sicherlich verstörend war für das Publikum. Und es gibt eine kaum verhohlene Aggressivität und Gewalttätigkeit in der Sprache. Aber inzwischen schockieren einen weder die Sprache noch die Thematik. Da sind die Zuschauer heute schon anderes gewohnt.“

Und wie inszeniert man „Wer hat Angst …“ vor dem Hintergrund der Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, die ein wenig zur Blaupause für alle Bühnenversionen geworden ist? „Ich glaube, da kann man von Glück sagen, dass wir nicht im selben Medium arbeiten“, sagt Kathrin Mädler. „Das Theater hat glücklicherweise die Möglichkeit, einen anderen Rahmen und eine andere Form zu schaffen. Und ich habe vier wunderbare Schauspieler (Berit Menze und Thomas Limpinsel als George und Martha sowie Niklas Maienschein und Marie Scharf als Nick und Honey), die sich vor dem Film überhaupt nicht verstecken müssen.“

Premiere ist am Sonntag, 29. April, 18 Uhr. Karten unter telefon 0651/ 718-1818.