Zu freizügig für den Saargau

Zu freizügig für den Saargau

Arno Schmidt, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg, wäre heute 100 Jahre alt geworden. Einen Grundstein seines literarischen Ruhms hat er in Kastel-Staadt (VG Saarburg) gelegt. Dort lebte und arbeitete er zwischen 1951 und 1955, bis ihn eine Strafanzeige wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften aus dem Ort trieb.

Kastel-Staadt. Wer in Kastel-Staadt nach Spuren des Schriftstellers Arno Schmidt ("Zettels Traum") sucht, muss schon wissen, wo, denn Hinweisschilder fehlen. "Er spielt hier keine große Rolle", sagt Ortsvorsteher Harald Lehnertz. "Die meisten können mit ihm nichts anfangen. Er war hier auch nicht integriert." Tatsächlich war Schmidt ein eigenbrötlerischer Sonderling, weiß Professor Georg Guntermann von der Uni Trier. "Er hat im Bewusstsein der eigenen Außerordentlichkeit die Isolation gewählt und eine Art Inseldasein geführt", sagt der Literaturwissenschaftler.
Miterlebt hat das Helmuth Neises. Er war neun, als Arno und Alice Schmidt am 1. Dezember 1951 in sein Elternhaus in der Kirchstraße in Kastel-Staadt zogen, das er noch heute bewohnt. Ehemals in Schlesien beheimatet, kamen sie als Umsiedler. Familie Neises hatte überschüssige Zimmer abgeben müssen, nicht ohne Bedenken, Fremde im Haus zu haben, während sie draußen auf dem Feld arbeitete. Doch das Ehepaar Schmidt sei hundertprozentig in Ordnung gewesen. "Der Mann war zwar nicht der freundlichste. Er hat gegrüßt, mehr auch nicht", sagt Neises. Aber eines Tages habe er ihm und seiner Schwester Erika einen Papierdrachen gebaut.
Zwei Zimmer neben dem Flur


"Die Frau war zugänglich, ganz anders als er. Sie hatte ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter Maria, schrieb ihr später noch Briefe, und war sehr tierlieb." Das Paar habe die schönsten beiden Zimmer rechts und links neben der Haustür bekommen. Eins habe es zum Schreiben, das andere als Küche, Wohn- und Schlafraum genutzt. Bettelarm seien die Leute gewesen. "Wir haben sie mit dem, was im Garten wuchs, durchgefüttert."
Arno Schmidt habe man tagsüber nicht gesehen, er sei höchstens mal zur Post oder ins Geschäft gegangen. "Aber nachts ging er dann raus, das war meinen Eltern nicht angenehm. Er lief im Vorgarten immer von der Haustür bis zur Straße hin und her. Dabei hatte er selbstgemachte Holzpantoffeln an. Das Klick-Klack hörten meine Eltern im Schlafzimmer."
Was es mit diesem Gebaren auf sich hatte, weiß Dr. Josef Huerkamp, Arno-Schmidt-Experte aus Münster. Viele Male hat er sich in einem der in Neises Haus eingerichteten Fremdenzimmer eingemietet, dem Lokalgeist in Schmidts Werk aus der Kasteler Zeit nachgespürt und ein Buch darüber geschrieben: "Schmidt war ein echter Mondfetischist. Er hat hier wie in allen seinen Wohnorten den Mond und die Mondphasen betrachtet. In Kastel auf dem Berg ging das besonders gut." In dieser Zeit seien besonders viele Mondmetaphern ins Werk eingeflossen. Auch der Ort und seine Atmosphäre spiegelten sich. "Da tauchen bestimmte Namen und Wege auf, immer fragmentarisch, man muss aber schon den Ort selber kennen, um sie wiederzufinden", sagt Huerkamp. "Auch was Leute angeht, habe ich den ein oder anderen identifiziert."
Produktiver Aufenthalt


Schmidts Kastel-Staadter Jahre bewertet Huerkamp als äußerst produktiv. "Er hat in dieser Zeit jedes Jahr mindestens ein Buch geschrieben." Entstanden sind unter anderem "Die Umsiedler" und "Aus dem Leben eines Fauns", vor allem aber "Das steinerne Herz". "Das war sein erster großer Roman mit 200 Seiten, und ich halte ihn für sein allerbestes Werk aus den 1950ern."
Das sieht Georg Guntermann ähnlich. Er nennt das Buch "eine Inventur der bundesdeutschen Realität der Fünfziger Jahre", getreu Schmidts Forderung an jeden Schriftsteller, "ein Bild der Zeit zu hinterlassen, in der er lebt". Wie Josef Huerkamp erklärt, ist Schmidt in Kastel-Staadt und mit diesem Werk auf dem Höhepunkt seiner realistischen Romankunst. Er fühlt sich dort wohl, die Einsamkeit ist nach seinem Geschmack.
Und doch verlässt er den Ort 1955 fluchtartig. Aufgrund von Strafanzeigen zweier Kölner Anwälte ergeht eine Anklage des Trie rer Oberstaatsanwalts gegen ihn und seinen Herausgeber Al fred Andersch, "[...] zu Saarburg und an anderen Orten, im Jahre 1955, gemeinschaftlich handelnd, [...] eine unzüchtige Schrift verbreitet zu haben, [...] die Religionsbeschimpfungen und Gotteslästerungen enthält und weiterhin Schilderungen sexuellen Charakters bringt, die geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen".
Stein des Anstoßes ist der Kurzroman "Seelandschaft mit Pocahontas", ein erotisches Sommerabenteuer von zwei jungen Männern und zwei jungen Frauen. Josef Huerkamp sagt dazu: "Wie der Sexualverkehr da beschrieben wird, ist verglichen mit dem Standard von heute geradezu lachhaft. Und Polemik gegen Kirche und Religion ist ja Langzeitthema des bekennenden Atheisten Schmidt gewesen."
Als Schmidt im Saarburger Gericht erstmals dazu vernommen wird, begegnet er ausgerechnet einem Bürger aus Kastel-Staadt. Aus Furcht vor Tratsch und Misstrauen packt er sofort die Koffer und folgt dem Rat von Bekannten, nach Hessen in den Einzugsbereich einer liberaleren Justiz zu ziehen. Schon im Juli wird das Verfahren eingestellt. Ein Gutachten des Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Herman Kasack, wertet den "anstößigen" Text als Kunstwerk, das dem Schutz des Grundgesetzes unterliegt.
An Schmidt haben sich auch fortan die Geister geschieden. Während die einen seine Inhalte als provozierend und seine kühnen Sprachexperimente als unverständlich kritisieren, loben andere die Neuartigkeit seiner Sprache, seinen Einfallsreichtum und seine naturwissenschaftliche Exaktheit. Josef Huerkamp sagt: "Er ist im Grunde bis auf den heutigen Tag ein Geheimtipp geblieben."Extra

Arno Schmidt, geboren am 18. Januar 1914 in Hamburg, wuchs im schlesischen Lauban auf, machte dort 1933 Abitur, wurde Buchhalter in einer Textilfabrik und heiratete 1937 seine Kollegin Alice Murawski. Nach Kriegseinsatz, Gefangenschaft und Dolmetschertätigkeit in einer englischen Hilfspolizeischule in der Lüneburger Heide lebte er ab 1946 als freier Schriftsteller in Gau-Bickelheim, Kastel-Staadt, Darmstadt und Bargfeld bei Celle. Besonderen Status erlangte er durch die Verbindung von traditionellem Erzählen und avantgardistischer Schreibtechnik. Er experimentierte mit ungewöhnlicher Wortwahl, neuen Prosaformen und eigenwilliger Rechtschreibung, die sich an der Aussprache orientiert. 1949 erschien sein erster Erzähl-Band "Levia than". Dieser ist genauso wie die Werke der 1950er Jahre, zum Beispiel "Das steinerne Herz", durch Kulturpessimismus und Kritik an der Adenauer-Ära geprägt. Später befasst sich Schmidt auch mit Psychoanalyse. Es entstehen Titel wie "KAFF auch Mare Krisium" und sein monumentales Hauptwerk "Zettels Traum", eine Psychobiografie Edgar Allen Poes, dessen Werke Schmidt ins Deutsche übersetzt hat. Mehrfach ausgezeichnet stirbt Schmidt 1979 in Celle. 1981 gründen seine Witwe und Jan Philipp Reemtsma die Arno-Schmidt-Stiftung, die sein Erbe verwaltet - darunter auch die Briefe an und von Maria Neises aus Kastel-Staadt. Lesetipps zu Schmidts Zeit in Kastel-Staadt: Josef Huerkamp, Der Landschafter auf der Höhe, Arno Schmidt in Kastel 1951-1955. Neisse Verlag, 28 Euro. Alice Schmidt, Tagebuch aus dem Jahr 1954, Suhrkamp Verlag, 334 Seiten, 38 Euro. ae

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