Zukunftssorgen in der Königsklasse

Zukunftssorgen in der Königsklasse

Die Kammermusik in Trier und der Trierer Region hat treue Anhänger. Das einzige Problem: Die werden immer älter. Jüngere dagegen machen um die "Königsgattung" klassischer Musik einen weiten Bogen. Maßnahmen gegen die Überalterung greifen kaum.

Trier. Eigentlich könnte Franz-Josef Kleinbauer zufrieden sein. Die Übernahme der "Kammermusikalischen Vereinigung Trier" vom langjährigen Leiter Hanspeter Hilgers lief wohlgeordnet ab, und mit der Besucherresonanz zeigt sich der neue Geschäftsführer durchaus zufrieden. Nach wie vor belegen Abonnenten gut 60 Prozent der rund 230 Plätze im Kurfürstlichen Palais in Trier. In einem Musikleben, das zunehmend unter Veränderungsdruck gerät, bleibt der kleine Privatverein eine Insel der Stabilität.

Diese Stabilität freilich hat ihren Preis. Kleinbauer registriert mit Besorgnis die wachsende Anzahl grauer Köpfe im Auditorium. Trotz Preisreduzierung für Schüler und Studenten bleiben Jüngere aus.

Nicht alle Konzertveranstalter registrieren die Entwicklung so gelassen wie Hermann Lewen, Intendant des Mosel-Musikfestivals: "Kammermusik ist große Klassik in komprimierter Form. Das überfordert das junge Publikum oftmals noch. Doch das Publikum wird nachwachsen, da mache ich mir keine Sorgen."

Doch auch bei Franz-Josef Scherl, Vorsitzender des Wittlicher Musikkreises, klingt der Optimismus gedämpft. "Die Jugendlichen haben ihren eigenen Musikgeschmack. Diese Phase wird vorbeigehen, und dann wird, wenn durch Elternhaus und Schule eine Basis gelegt wurde, für diese Menschen auch die Kammermusik interessant werden."

"Das Ganze ist ein globales Phänomen", sagt Wolfgang Manz, und in seinem Tonfall mischen sich Verständnis und Ratlosigkeit. Der Klavierprofessor an der Musikhochschule Erlangen-Nürnberg organisiert seit zehn Jahren die Klavierkonzerte im Trierer Diözesanmuseum. Auch Manz erlebt"fast immer ein volles Haus". Trotzdem fehlen auch den Klavierabenden die Jüngeren.

Lösungsansätze indes kommen aus dem Experimentalstadium nicht heraus. Franz-Josef Kleinbauer hofft, durch Senkung der Eintrittspreise und vorsichtige Modifikationen im Programmkonzept mehr junge Leute anzulocken. Und Wolfgang Manz reicht die Lösungskompetenz an die Musikerziehung weiter. Dort, sagt er, müssten die notwendigen "Empfindungsmodule" aktiviert werden. Immerhin hat der Verein "Freunde künstlerischer Museumsveranstaltungen" einen kleinen Klavierwettbewerb für Nachwuchspianisten ausgeschrieben; das Preisträgerkonzert findet am 6. November im Diözesanmuseum statt.

Die Musikerzieher dagegen haben mit Kammermusik ihre eigenen Schwierigkeiten. In der Trierer Musikschule sei Kammermusik selbstverständlich, erklärt Leiterin Pia Langer, räumt allerdings ein, dass die Belastung junger Menschen kontinuierliche Ensemblearbeit schwieriger mache. Auch Hans-Dieter Höllen von der Kreismusikschule Trier-Saarburg erklärt, Ensembles gebe es relativ häufig. Schwieriger werde es, die Musikschüler zum Konzertbesuch zu bewegen. Plakatierungen und Rundbriefe seien zwecklos. Höllen: "Da hilft nur die persönliche Ansprache".

Meinung

Alternative ausgeschlossen

Kammermusik ist kein Fall für künstlerische Kompromisse. Sie verlangt und fördert die Konzentration, die Wahrnehmung klingender Strukturen, die Fähigkeit, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft hörend zu verbinden und damit den Zeitcharakter von Musik zu erfahren. Das ist im Event-Zeitalter, in dem die Begleitumstände oft wichtiger sind als die Sache selber, nicht gerade zeitgerecht. Eine Alternative gibt es trotzdem nicht. Vielleicht könnte Kammermusik durch klugen Musikunterricht und unkonventionelle Programme zugänglicher werden. Letztlich bleibt den Veranstaltern aber nur eins: Auf hohem Niveau und mit sensiblem Blick zum Publikum weiterzumachen. m.moeller@volksfreund.de

Extra

Übersicht über die Eröffnungskonzerte 11. September, 19 Uhr, Synagoge, Wittlich: Konzert für Flöte und Gitarre mit Wally Hase und Thomas Müller-Pering. www.wittlicher-konzerte.de 15. Oktober, 20 Uhr, Bischöfliches Museum, Trier: Freitagskonzert mit Wolfgang Manz und den Etüden von Chopin. www.museum.bistum-trier.de 20. Oktober, 20 Uhr, Kurfürstliches Palais, Trier: 1. Kammerkonzert mit dem Cuarteto Casals und Ib Hausmann sowie Werken von Hausmann, Mozart und Brahms. www.kammerkonzerte-trier.de

Hintergrund

Als Kammermusik gelten klassische Konzerte in einer Besetzung von maximal neun Instrumenten. Seit Haydn, Mozart und Beethoven gilt sie wegen ihrer Vielfalt und ihrem hohen Anspruch an Interpreten und Hörer als "Königsgattung" klassischer Musik. (mö)

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