1. Region
  2. Kultur

Zum 100. Todestag von Max Klinger läuft in Wittlich eine Ausstellung

Kunst : Düster, voller Erotik und lang genug vergessen

Sein Werk inspirierte Salvador Dalí oder Edvard Munch. Nicht nur in Bonn und München sind zum 100. Todestag Bilder von Max Klinger zu sehen, sondern erstaunlicherweise ab Sonntag auch in Wittlich.

Ein Kind, das auf der Brust seiner schönen, toten Mutter kniet und den Betrachter unverwandt anschaut. Ein verlorener Handschuh, der zum Symbol sexueller Sehnsucht wird. Ein nacktes Liebespaar, das eng umschlungen gen Himmel fliegt.

Vor ein paar Wochen, da hingen diese mal sinnlichen, mal verstörend düsteren Radierungen nicht in Wittlich, sondern in der Pinakothek der Moderne in München. 100 Jahre ist es her, dass der bedeutende Leipziger Künstler Max Klinger (1857 – 1920) starb. Diverse deutsche Museen nehmen das zum Anlass, sein immer noch modernes Werk wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Darunter nach der Pinakothek und dem  Museum der bildenden Künste in Leipzig ab dem 16. Oktober auch die Bundeskunsthalle in Bonn – und die Städtische Galerie im Alten Rathaus Wittlich.

Als der „deutsche Michelangelo“ habe Klinger seinen Zeitgenossen gegolten. Bekannt sei er nicht nur für seine Gemälde und Skulpturen, sondern vor allem für seine Druckgrafiken. „Seine Neuerungen auf diesem Gebiet wurden mit niemand geringerem als Albrecht Dürer verglichen“, heißt es zur Münchener Ausstellung, die nun glücklicherweise vorbei ist.

Denn sonst wären die rund 80 Werke – überwiegend Radierungen – ja nicht ab Sonntag in Wittlich zu sehen. Dass es der kleinen Stadt gelingt, derart kapitale Kunst zu zeigen, hat sie Richard Hüttel zu verdanken. Dem bei Bitburg lebenden Kurator der Schau, der vor seiner Pensionierung stellvertretender Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig war und der für Ausstellungen regelmäßig seine guten Beziehungen spielen lässt.

Hüttel schwärmt von Klinger. Zwar sei er in den vergangenen hundert Jahren bewusst vergessen worden. „Dabei ist er der moderne Künstler schlechthin“ und habe die Kunstgeschichte beeinflusst wie nur wenige andere. Zahlreiche Künstler des 20. Jahrhunderts beriefen sich auf das Werk Klingers, den die Bundeskunsthalle als „Pionier des deutschen Symbolismus“ bezeichnet, darunter Max Ernst, Salvador Dalí, Max Beckmann, Käthe Kollwitz oder Giorgio de Chirico.

Was Hüttel, der sich im Laufe der Jahrzehnte intensiv mit dem Leipziger beschäftigte, in Wittlich zeigen will, ist, dass so ziemlich jedes Werk mit der Biografie Klingers verwoben ist. Nicht selten löste eine schöne Frau den Schaffensdrang aus, der von Bildern aus Träumen und Alpträumen inspiriert wurde. Genüsslich erzählt Hüttel, wie der 21-jährige Klinger in einer Art WG lebte und sich alle Männer gleichzeitig in die schöne Tochter eines brasilianischen Diplomaten verliebten.

Dass der junge Künstler so verknallt war, mündete in einen aus zehn Blättern bestehenden Zyklus von Radierungen namens „Phantasien über einen gefundenen Handschuh, der Dame, die ihn verlor, gewidmet“, der den jungen Klinger schlagartig berühmt machte und zahlreiche nach ihm inspirierte. In Wittlich ist dieser Zyklus nun komplett zu sehen. Auf eine immer noch irrwitzig überraschende Art erzählt er die Geschichte eines von Liebeslust getriebenen Mannes, der in seinen Träumen schwelgt. Dabei beginnt alles ganz harmlos realitätsnah damit, dass der Protagonist, der die Züge Klingers trägt, in einem damals so angesagten „Skating rink“, einer Rollschuharena, den Handschuh aufhebt, den die schöne Frau vor ihm verliert. „Vor lauter Aufgeregtheit und Gier fällt ihm dabei der Hut vom Kopf“, sagt Hüttel. In jedem weiteren Bild spielt der Handschuh eine zentrale Rolle – wird zum Fetisch, der das Unbewusste eines Träumenden stimuliert. Mal muss der Handschuh im Sturm aus dem Meer gerettet werden, mal raubt ihn eine riesige Flugechse, während sich verzweifelte Hände durch ein zersplitterndes Fenster sehnend nach ihm recken, mal wird das Objekt der Begierde in einer riesigen Vulva von kräftigen Rossen – vorne Pferd, hinten Fisch – über den Strand gezogen. Ein Bild, das Hüttel als Triumph der männlichen Begierde deutet. Am Ende jedoch sieht man einen gähnenden Amor, der die Pfeile weggelegt hat. Unglückliche Liebesverhältnisse und sonstige Dramen zwischen Mann und Frau sind laut Hüttel das zentrale Thema von Klingers Bildzyklen. Und immer wieder feiert er dabei die Schönheit des nackten, menschlichen Körpers.

„Als erster Feminist“ gehörte Klinger, so der Kurator, auch zu den ersten, die Frauen in Bildern als Opfer zeigten. Frauen, die in die Prostitution abrutschen. Frauen, die bei einer Abtreibung das Leben verlieren.

Zum Interesse an diesen Themen passt die langjährige Liebesbeziehung mit der Feministin Elsa Asenjeff, die Klinger in zahlreichen Bildern verewigte. Doch auch diese Beziehung endete 1912 dramatisch, als der 53-jährige Künstler eine Liaison mit einer erst 16-jährigen Schönheit namens Gertrud Bock einging, die in seinem Atelier als Modell diente. Während Asenjeff verarmte und ihre letzten Jahre entmündigt in psychiatrischen Kliniken verbrachte, ließ sich Klinger von der Schönheit seiner neuen Partnerin zu herausragenden Frauenakten inspirieren, von denen einige aus dem Zyklus „Das Zelt“ nun in Wittlich zu bewundern sind.

So wie sich Liebe und Tod in Klingers Bildern vermischen, so erging es auch ihm selbst: 1919 heiratete er Gertrud Bock. Und starb kurz darauf.

Andere hielten sich die Ohren zu, wenn die Sirenen sangen. Dieser Mann hingegen gibt sich den erotischen Genüssen bereitwillig hin. Max Klingers Bild „Die Sirene“. Foto: TV/Katharina de Mos
Da findet der junge Mann seinen Fetisch, der ihn von der Liebe träumen lässt. Bild aus dem Handschuh-Zyklus Max Klingers. Foto: TV/Katharina de Mos

Die Ausstellung „Träume und Alpträume“ zum 100. Todestag von Max Klinger ist vom 11. Oktober 2020 bis 7. Februar 2021 in der Städtischen Galerie im Alten Rathaus in Wittlich zu sehen. Weitere Informationen unter Telefon 06571/1466-0 oder info@kulturamt.wittlich.de.
Die Ausstellung „Max Klinger und das Kunstwerk der Zukunft“ in der Bundeskunsthalle Bonn läuft vom 16. Oktober 2020 bis 31. Januar 2021. Infos: www.bundeskunsthalle.de/