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Zum Alter gehören Milde und Weisheit

Zum Alter gehören Milde und Weisheit

Die Geburtenrate sinkt, die Lebenserwartung steigt, die deutsche Bevölkerung wird älter. Auch die Region rüstet sich für den Wandel. Mit Strukturveränderungen sei es aber nicht getan, sagt Pater Anselm Grün, einer der meistgelesenen spirituellen Autoren unserer Zeit. Zum Start des Eifel-Literatur-Festivals im April beleuchtet er in Wittlich "Die hohe Kunst des Älterwerdens" als Herausforderung.

Wittlich. Wenn Anselm Grün das Älterwerden im Titel seines neuen Buches als hohe Kunst bezeichnet, weiß er, wovon er redet. Er ist selbst 68 Jahre alt. Damit hätte er 1950 noch zu einem Zehntel der deutschen Bevölkerung gezählt. Heute macht seine Altersgruppe ab 65 bereits ein Fünftel aus, 2060 wird es ein Drittel sein, auch in unserer Region.Eifel-Literatur-Festival 2014


Wie zuletzt auf der Trierer Demografie-Konferenz im Oktober wird das kollektive Altern vor allem hinsichtlich äußerer Rahmenbedingungen wie Pflegeangebote oder Wohnformen diskutiert. "Um gut alt zu werden, bedarf es nicht nur eines Wandels von Strukturen", sagt der Benediktinerpater, Autor und Philosoph. "Altern ist auch eine menschliche Herausforderung". Es verlange jedem Einzelnen eine Veränderung seiner Einstellungen ab. "Viele bekommen Altersdepressionen, weil sie an ihren alten Bildern festhalten. Auf einmal merken sie aber, dass sie gar nicht mehr so gebraucht werden." Da beginne die Aufgabe, sich zu fragen: Wer bin ich eigentlich?
"Im Alter zeigt sich, dass ich mich nicht mehr über meine Rollen und Leistungen definieren kann, sondern nur als Person."
Viele Menschen wehrten sich gegen das Altwerden, indem sie am Ideal der Jugendlichkeit festhielten, beobachtet Pater Anselm. Er erzählt von einem 75-Jährigen, der seiner 16-jährigen Enkelin unbedingt zeigen will, dass er noch immer schneller Ski fahren kann als sie. "Aber das ist dann eher Perversion, wenn ich mich so beweisen muss".
Mit 75 gehe es um eine andere Qualität, und das sei eine Frage der Kultur. Alle Hochkulturen hätten das Alter als Quelle von Weisheit und Milde geschätzt. "Die Alten haben die Bedeutung, Gräben zu überbrücken, Brücken zu bauen, die Maßstäbe aufzuzeigen, nach denen das Leben gelingt. Diese Qualität sollte man anstreben." Das bedürfe innerer Entwicklung jedes Einzelnen: "Gut alt werden kann man nur, wenn man sich aussöhnt mit den Defiziten der eigenen Lebensgeschichte. Außerdem muss man loslassen, die Rollen, die Macht, sogar Beziehungen", sagt Pater Anselm, der sich selbst gerade von 36 Jahren wirtschaftlicher Leitung der Abtei Münsterschwarzach verabschiedet hat.
Vor dem Hintergrund steigender Lebenserwartung sei auch wichtig, dass der dritte Lebensabschnitt als fruchtbare Zeit erkannt werde. "Großeltern entwickeln neue Fähigkeiten und haben den Enkeln gegenüber die Aufgabe, Vertrauen, Geborgenheit, ein weites Herz und Milde zu haben", erklärt Anselm Grün und findet ein Bild aus der Natur: "Schauen wir den Herbst an, da sind die Blätter am buntesten, im Alter kommt also das Bunte durch. Und Herbst ist Zeit der Ernte, so dass die Alten auch eine Frucht sind für die Menschen".Extra

Die Lesung von Anselm Grün aus "Die hohe Kunst des Älterwerdens" am Mittwoch, 9. April, im Eventum Wittlich eröffnet das Eifel-Literatur-Festival 2014. Karten, auch Jahresfestivaltickets mit Rabatt und Platzreservierung, gibt es im TV-Service-Center in Trier, unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 sowie im Internet: www.volksfreund.de/tickets. Infos über das Festival: www.eifel-literatur-festival.de ae