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Karl Marx-Jahr
Karl Marx im Auge der Kopistin

Cordula von Heymann beim Kopieren der Karl Marx Büste:
Cordula von Heymann beim Kopieren der Karl Marx Büste: FOTO: TV / Eva-Maria Reuther
Trier. Die Künstlerin Cordula von Heymann hat ihren eigenen Blick auf den Revolutionär. Die Werke sind im Saarburger Amüseum zu besichtigen. Von Eva-Maria Reuther

Die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. Keine Künstlerin – nirgendwo, beteuert die Empfangsdame im Karl-Marx-Haus. Ich bleibe stur. Sie muss da sein. Die freundliche Dame telefoniert. Rettung kommt schließlich vom Haustechniker, der mich nach hinten in den Garten mitnimmt. Dort sitzt Cordula von Heymann mit einem herrlich altmodischen Klapprahmen aus Holz, in den sie ihr Zeichenpapier geklemmt hat. Im Geviert der begrünten Mauern, auf das die Bezeichnung Einfriedung wie angegossen passt, hat die Künstlerin an diesem sonnigen Sommertag ihren Hocker aufgestellt, um zu kopieren.

Still ist es an diesem Nachmittag. Als einziger Gesellschafter schaut Karl Marx gewichtig und streng als  Porträtbüste zu. Dagegen wirkt das Gemälde an der Wand gegenüber von HA Schult, das den Kapitalismuskritiker vor feurigem Rot zeigt, eher flach, aber emotional. Auf dem gruftigen Relief daneben, vor dem die Malerin und Performance Künstlerin sitzt, ist Marx jüngste Tochter Eleanor zu sehen.

„Ich liebe die Zurückgezogenheit des Gartens“, bestätigt von Heymann. Seine Ruhe ermögliche Konzentration und Besinnung. Seit mehreren Wochen arbeitet Cordue, wie ihr Künstlername lautet, im Geburtshaus des berühmten Trierers in der Karl-Marx-Straße, um Teile der Dauerausstellung und des Inventars zu kopieren.

Ihr Projekt „Die Kopistin“, das in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung realisiert wird, ist eng vernetzt mit der Ausstellung „Karl Marx Icons“ im Amüseum Saarburg, die sich mit  der Vermarktung des Bildes des Philosophen als Ikone auseinandersetzt.

Mit dem Kopieren habe sie sich schon als Studentin beschäftigt, erzählt  die an der Bremer Hochschule der Künste ausgebildete gebürtige Freiburgerin, die heute in Saarburg lebt. Bereits damals hatte sie sich  auch ins Werk von Marx eingelesen. Zur Vorbereitung ihres aktuellen Projekts deckte sie sich mit weiteren Büchern ein. „Marx’ Werk hat mir schon früher gefallen“, erinnert sich Cordue, „weil es so voller Anregungen ist und zum Nachdenken auffordert“. Genau wie das Kopieren, das ein  sehr viel komplexerer Vorgang ist als einfaches Nachzeichnen.

Die traditionsreiche Technik ist berühmt wie berüchtigt. Fälscher haben sich ihrer ebenso bedient wie jene Maler und Grafiker, die mittels kopieren in vormassenmedialer Zeit ehrenhaft zur Verbreitung der Kunstwerke beitrugen. In Zeiten fast uneingeschränkter Reproduktionsmöglichkeiten macht die Kopie zudem die Frage nach dem Unterschied zwischen Original und Nachahmung dringend, nach der Bedeutung des Unikats und seiner sogenannten Aura.

Zudem sind es gerade die Fehler des Kopisten (um es mit einen Buchtitel von Botho Strauß zu sagen), die eine Kopie neuerlich zum Original machen können. Cordula von Heymann blättert in ihren Zeichnungen. Eine Kopie des Porträts der unglück­lichen Eleanor ist dabei, die sich umbrachte, das Konterfei ihres Vaters, aber auch  das Kastenschloss einer Tür  zu einem der Zimmer drinnen. „Auf die einzelne Zeichnung kommt es gar nicht an“, erklärt die Kopistin. „Mir geht es um das ganze Projekt und seinen Entstehungsprozess“.

Über ihn berichtet sie auch regelmäßig  in ihrem Blog als einer Art Tagebuch. Bisweilen ergeben sich beim Kopieren spannende Gespräche. So wie am Tag vorher. Da besichtigte ein saarländischer Besucher die Ausstellung, der sich besonders für Eleanors Porträt interessierte. Wie sich herausstellt, ist er ein entfernter Verwandter von Helene Demuth, der langjährigen Haushälterin der Familie von Karl Marx und Mutter seines außerehelichen Sohnes.

Alles soll in Bewegung kommen und bleiben in Cordula von Heymanns Projekt. Darin liegt die Künstlerin auf einer Linie mit dem Mann, der bekanntlich die Welt verändern wollte. Für Cordue ist daher auch die Saarburger Ausstellung nicht mit der Hängung abgeschlossen. Was sie im Amüseum an Bildern aufgehängt hat, sind lediglich Platzhalter. Allwöchentlich wird eine der Arbeiten durch eine der im Karl-Marx-Haus entstandenen Kopien ersetzt. Ein Wechsel, der neuerlich anregt, Bild und Persönlichkeit der historischen Figur des Jubilars ebenso zu hinterfragen wie den Zusammenhang zwischen Wirklichkeit, Wahrnehmung und Erinnerung. Wie alles Kopieren ist in diesem Sinn auch von Heymanns Projekt Erinnerungsarbeit. Die leistet auf ihre Art auch die Gruppe chinesischer Gäste, die inzwischen eingetroffen ist und mit ihren Handys vor Marx’ Büste in einer Reihe Stellung bezogen hat. Beim Hinausgehen winkt lachend die Dame am Empfang: „Man soll nie aufgeben“.

Ausstellung Amüseum Saarburg bis 12 August.,Sonntag bis Freitag, 11 bis 16 Uhr, www.amueseum-saarburg.de

Blog  „Die Kopistin“: diekopistin.wordpress.com