1. Region
  2. Kultur

Zur Landesausstellung 2022 in Trier kommt die „Gemma Constantiniana“ aus Leiden

Geschichte : Die abenteuerliche Weltreise eines alten Steins

Wenn Steine reden könnten, dann würde die „Gemma Constantiniana“ von ihren exklusiven Liebhabern erzählen – einem römischen Kaiser, dem Barockmaler Rubens, einem indischen Großmogul oder dem niederländischen König, aber auch von Überseereisen, Schiffbruch und Meuterei. Das Schmuckstück wird 2022 eines der Highlights der Trierer Schatzkammer bei der Landesausstellung werden.

Der Schmuckstein auf dem berühmten Ada-Evangeliar in der Trierer Schatzkammer bekommt 2022 hohen Verwandtenbesuch. Die Gemme, so der Fachausdruck für den geschnittenen Edelstein, die den Deckel der kostbaren Handschrift aus der Schreibstube Karls des Großen ziert und vor 326 n.Ch. entstanden sein muss, steht dann in einer Vitrine mit der „Gemma Constantiniana“ aus dem niederländischen Leiden, die auf die Zeit um 315 zurückgeht. In beiden Gemmen sehen Experten die kaiserliche Familie Konstantins des Großen. Ob sie sich vor 1700 Jahren schon einmal begegnet sind, weiß man nicht. „Das ist reine Spekulation“, sagt Professor Michael Embach, Direktor der Trierer Stadtbibliothek und der Schatzkammer.

Embach ist sehr froh, dass es ihm gelungen ist, die Gemme aus Leiden für die Landesausstellung 2022 „Der Untergang des Römischen Reiches“ nach Trier zu holen. „Der Vertrag ist unterzeichnet.“ Von der Präsentation der beiden Exponate nebeneinander verspricht sich der Experte weiteren Aufschluss über die Herkunft des Ada-Deckels. Für die mittelalterliche Handschrift läuft gerade der Antrag für die Aufnahme ins Weltdokumentenerbe.

Die Bilder der spätantiken Steine: Auf der Trierer Gemme sitzen Kaiser Konstantin, seine Mutter Helena, seine Frau Fausta, der älteste Sohn Sohn Crispus (aus einer früheren Verbindung mit Minervina) und Konstantin II. in einem römischen Wagen, den zwei Adler zum Himmel emportragen. „Das ist das Bild der Vergöttlichung, der Apotheose“, erläutert Embach. Er hält es für gut möglich, dass dahinter ein Thronjubiläum gestanden hat, vielleicht das zehnjährige, für das man diesen Stein in Auftrag gegeben hat.

Auch der Schmuckstein aus Leiden zeigt Helena, Konstantin, Fausta und wohl Crispus in einem Wagen. Er wird von Zentauren gezogen, in der griechischen Mythologie ein  Mischwesen aus Mensch und Pferd. Sie zerstampfen mit ihren Hufen die Feinde Konstantins. Man geht davon aus, dass die Szene Bezug nimmt auf die berühmte Schlacht Konstantins an der Milvischen Brücke 312, wo der Kaiser erstmals im Zeichen des christlichen Kreuzes siegte. „Die Schlacht an der Milvischen Brücke hat ja Konstantins Siegeszug praktisch beginnen lassen“, erläutert Embach. „Er schwingt sich zum Alleinherrscher auf, und er gilt als der erste christliche Kaiser des Römischen Imperiums.“ Für Embach ist spannend zu erfahren, was die Fachwelt dazu sagt, wenn die Vision des Sieges im Kreuzzeichen neben dem Familienbild auf dem Trierer Ada-Deckel liegt. Eine Tagung in Trier könnte weiteren Aufschluss bringen über die Datierung und Deutung des Trierer Stücks. Klar ist jedenfalls:  „Diese beiden Steine sind sehr spannend und äußerst selten.“

Die Bedeutung fürs Mittelalter: Warum überhaupt haben die Karolinger im 9. Jahrhundert die Handschrift des  Ada-Evangeliars mit einem spätrömischen Stein geschmückt? „Der Stein gehört zur Gattung der römischen Kaiserkameen“, so Embach. Diese geschnittenen Steine, meistens aus Achat oder Porphyr, für die es eine ganze eigene Werkstatt-Produktion gab, wurde oft von den Kaisern selbst in Auftrag gegeben oder von Senatoren, die den Kaiser damit beschenken wollten. Karl der Große knüpfte an die römische Kaiseridee an. Indem er sich als Erbe von Konstantin und seinen Nachfolgern präsentierte, konnte der Franke auch seinen eigenen Weltherrschaftsanspruch legitimieren und absichern. „Das geht so weit, dass er sich in Aachen am Hof als der neue Konstantin titulieren lässt“, so Embach. „Denn es ist ja klar: Er musste ständig Kriege führen, er musste Gewalt einsetzen, und das muss ja legitimiert werden. Man sagt, hier hat es einen Übergang gegeben der Herrschaft und der Herrschaftsrechte von den Römern auf die Franken. Dann darf er das im Prinzip tun.“

Die Reise: Der Leidener Stein, viel größer als der Trierer, hat eine abenteuerliche Geschichte hinter sich, während das Trierer Exemplar  jahrhundertelang in der Abtei St. Maximin lag. Im Frühmittelalter verschwand das Prachtexemplar, manche sagen, in Frankreich in irgendeinem Kloster, und taucht dann im 17. Jahrhundert wieder auf, und zwar im Besitz von Peter Paul Rubens, dem flämischen Barockmaler. Der hat solche Kameen gesammelt. Rubens war es wohl, der die Einfassung aus Gold, Silber und Edelsteinen in seiner Werkstatt hat herstellen lassen. „Und dann“, so Embach, „fangen Bemühungen an, diese prachtvolle Gemme zu Geld zu machen.“

Die Gemma Constantiniana sollte verkauft werden. Wohin? Die Niederländer hatten damals Handelsbeziehungen nach Nordindien. Batavia war im 17. und 18. Jahrhundert das Hauptquartier der Niederländischen Ostindien-Kompanie in Asien und bis zur Unabhängigkeit Indonesiens in den 1940er Jahren die Hauptstadt Niederländisch-Indiens. Dort gab es ein Mogulenreich, und der Großmogul dieses nordindischen Staates war ein Fan von Schmuck und Kunst und Kultur. Er wollte die  spätrömische Gemme kaufen. Und so schickten die Niederländer ein Handelsschiff auf die Reise, an Bord neben mehr als  300 Personen auch der römische Stein.

Das Drama vor Westaustralien: Doch das Schiff kommt nicht an. Die Batavia, benannt nach der Stadt Batavia, dem heutigen indonesischen Jakarta, die am 29. Oktober 1628 gen Ostindien gestartet war, lief am 4. Juni 1629 auf ein Korallenriff in der Nähe der australischen Küste auf und kenterte. Wer im Internet „Gemma Constantiniana“ eingibt, stößt schnell auf Berichte der gescheiterten Mission. Viele Leute überleben zunächst. Doch während der Kapitän sich mit seinen Offizieren auf die Suche nach einem Ersatzschiff macht, meutert die Besatzung auf der Schiffsruine. „Diese Meuterei war äußerst brutal“, erzählt Embach, der die abenteuerlichen Berichte über das Geschehen gelesen hat. „Dabei haben rund 200 Menschen ihr Leben verloren, die wurden exekutiert.“ Die Überlebenden kehren zurück in die Niederlande – und die Gemme gleich mit.

Der Großmogul war mittlerweile verstorben. Sein Nachfolger interessiert sich nicht mehr für das Stück. 200 Jahre später findet ein nicht minder prominenter Kunstfreund Gefallen an dem römischen Schmuckstein: Der  niederländische König Willem II. erwirbt die Gemme 1856 für 50 000 Gulden. Und dadurch bleibt dieser Stein in den Niederlanden und ist heute in Leiden im Rijksmuseum van Oudheden zu sehen.

Die „Gemma Constantiniana“ (unten) aus dem 3. Jahrhundert mit Kaiser Konstantin, Helena, Fausta und Konstantins Sohn Crispus. Sie hat schon Tausende Kilometer zurückgelegt und viele prominente Besitzer beeindruckt. Foto: Rijksmuseum van Oudehen Leiden (Niederlande)
Der flämische Maler Peter Paul Rubens in einem Selbstbildnis. Der Künstler soll ein Fan römischer Kameen gewesen sein und den Rahmen der „Gemma Constantiniana“ gestaltet haben. Foto: picture alliance/dpa/Friso Gentsch

Und heute? „Wir sind mit die ersten, die den Stein aus diesem Leidener Museum ausleihen“, erzählt Embach. Er wird eines von zwei     Leitobjekten sein, mit denen sich die Schatzkammer der Stadt Trier 2022 an der Landesausstellung beteiligt. Für eine Ausstellung des Western Australian Museums in Perth (Australien) ist der Stein in jüngster Zeit erneut einmal auf die Reise gegangen. Diesmal erfolgreich.