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Zur Revolution gehört auch Spaß

Zur Revolution gehört auch Spaß

Der Hamburger Kabarettist Sebastian Schnoy hat im Haus Beda in Bitburg für einen vergnüglichen Abend gesorgt. In seinem Programm "Von Napoleon lernen, wie man sich vorm Abwasch drückt" verknüpfte er unkonventionelle Betrachtungen europäischer Geschichte mit Seitenhieben aufs aktuelle Tagesgeschehen.

Bitburg. Sebastian Schnoys Auftritt ist wie eine erfrischende Brise. Der 45-jährige Hamburger spielt flott, spritzig und locker, liefert mehr als zwei Stunden Kurzweil mit einer Dichte an Pointen, die ihresgleichen sucht. Zwar lässt er sein Titelversprechen unerfüllt, am Beispiel Napoleons zu lehren, wie sich die Zuhörer vor dem Abwasch drücken können. Dafür aber liefert er jede Menge andere Erkenntnisse aus augenzwinkernden und verblüffenden Blicken auf die europäische Geschichte. Ein Beispiel: "1450 hat Gutenberg den Buchdruck erfunden, bis dahin mussten alle Bücher mühselig mit der Hand abgeschrieben werden. 500 Jahre später führt der andere Guttenberg das Abschreiben wieder ein."
Geschichte ist nicht unbedingt das, was weit zurück liegt, macht Schnoy gleich zu Beginn klar. Er erzählt von seiner Kindheit in den 1970er Jahren, von so antiquiert anmutenden Dingen wie dem Ford Taunus seiner Eltern ohne Airbags und Sicherheitsgurt. "Woran merken Sie, dass Sie selbst Geschichte werden?", fragt er und liefert die Antwort: "Wenn Sie sich neuem Schnickschnack verweigern, weil Sie meinen, ihn nicht zu brauchen."
Die Germanen und das Rad


Und flugs ist Schnoy bei den alten Germanen. Die nämlich hätten sich der mesopotamischen Erfindung des Rads verweigert, weil sie ihre Verwandten genauso gut an den Haaren durch den Wald schleifen konnten. Aber wie viel Germane steckt noch in uns? Oder wie viel Römer? Immerhin eiferten wir deren Dekadenz nach ... Fragen über Fragen, die Schnoy mit einem überraschenden, weil jede Chronologie vermeidenden Parforceritt durch Antike, Mittelalter, frühe Neuzeit bis hin zur jüngsten Geschichte ergründet. Dabei schlägt er immer wieder Bögen zu aktuellem Tagesgeschehen, lässt dazwischen herrlich unkorrekte Seitenhiebe auf Gutmenschen, religiöse Eiferer und vor allem das typisch deutsche Wesen los, das selbst einer Revolution keinerlei Spaß abgewinnen kann.
Mit Genuss öffnet er auch jede Menge Klischeeschubladen. Dabei pflegt Schnoy einen lebendigen Dialog mit dem Publikum und bezieht sogar dessen Belange in sein Programm ein. Zum Beispiel thematisiert er die neue Verkehrsführung des Bitburger Innenstadtrings, die vielen Bürgern ein Dorn im Auge ist, im Zusammenhang mit einer Rückblende ins alte Rom. Tacitus habe aus seinem Fenster dort ebenfalls auf einen Innenstadtring geschaut, der erst 1000 Jahre später abgeschafft worden sei: "So lange müsst ihr noch warten."
Mit diesem kurzweiligen Abend hat Schnoy außer guter und origineller Unterhaltung auch eine Botschaft vermittelt: Wenn wir die Vergangenheit und uns etwas lockerer und mit mehr Spaß betrachteten, den Tellerrand überwänden und von Tugenden unserer Nachbarn lernen würden, würde die europäische Geschichte viel gewinnen. ae