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Zurück in der verlorenen Heimat

Zurück in der verlorenen Heimat

1934 musste der 15-jährige Wolfgang Steinberg vor den Nazis aus Trier nach Palästina fliehen. Dort baute sich Ze'ev Steinberg, wie er fortan hieß, eine neue Existenz auf und wurde einer der führenden Musiker in Israel. Am Montag (10. März, 20 Uhr) kommt Steinberg in die Luxemburger Philharmonie zu einem Porträt-Konzert.

Luxemburg. Dem freundlichen alten Herrn ist nicht anzusehen, wie viel an Politik, Zeitgeschichte und Musik er in seiner Person verbindet. Und am Telefon klingt die Stimme des bald 90-Jährigen nicht nur frei und ohne Altersbrüchigkeit - der gelassene Tonfall lässt nichts von dem ahnen, was er erlebt hat. Ze'ev Steinberg, der als Wolfgang Steinberg am 27. November 1918 geboren wurde und in Trier aufwuchs, der 1934 emigrieren musste und in Israel eine neue Heimat aufbaute - Ze'ev Steinberg verkörpert mehr als nur ein Stück Zeitgeschichte. Bei ihm kreuzen sich historische, politische und nicht zuletzt künstlerische Motive zu einem faszinierenden Akkord. Der freilich hat, wie die Musik des Komponisten Steinberg, auch atonale Züge.Trier war für die Steinbergs Heimat. Wenn Ze'ev (was auf hebräisch "Wolf" bedeutet, also Wolfgang) davon erzählt, dass sich seine Eltern an der Mosel als Ärzte niederließen, weil sie dort viele Freunde gefunden hatten - jüdische und nichtjüdische -, dann schwingt in seinem gelassenen Tonfall die Wärme der positiven Erinnerung mit. "Nazis hat es unter den Trierer nicht gegeben, die waren importiert", erklärt er. Und wenn Steinberg erzählt, dass er wegen der Nürnberger Rassegesetze den Violinunterricht bei Albert Sieglar abbrechen musste, dann betont er, dass es nicht Sieglar war, sondern sein Vater, der auf die Beendigung drang.In Israel ist er ein namhafter Komponist

Fünf Jahre mussten vergehen, bis Ze'ev wieder regelmäßig musizieren konnte. Dazwischen liegen die Emigration des 15-Jährigen nach Palästina, die Arbeit in der Landwirtschaft, die Auseinandersetzung mit der neuen, fremden Sprache Hebräisch, schließlich die Übersiedlung vom Kibbuz nach Tel Aviv. Es war ein Glücksfall, dass Steinberg im Jahr 1938 Ödön Partos begegnete und von ihm als Schüler angenommen wurde. Partos, der Schüler von Zoltan Kodaly war und heute als einer der Begründer der israelischen Kunstmusik gilt, hatte sich in Tel Aviv niedergelassen und war Solobratscher im späteren "Israel Philharmonic Orchestra" geworden. Er und Lorand Venyves, Konzertmeister des Orchesters, vermittelten Steinberg die Kunst des Violaspiels und die Kunst der Komposition. Seit er im Oktober 1942 als Bratscher Mitglied des Orchesters wurde, hat Steinberg immer wieder komponiert. "Nicht allzu viel, ich hatte ja den Orchesterdienst", sagt er fast abwehrend. Aber doch so viel und vor allem qualitativ so hoch stehend, dass er zu den namhaften Komponisten in Israel zählt. Kammermusik, in der die Viola eine wichtige Rolle spielt, steht im Mittelpunkt seines Schaffens, keine Frage. Denn Steinberg war nicht zuletzt Kammermusiker. 30 Jahr lang spielte er im "Israel String Quartet" die Viola. Seit 1949 komponiert Steinberg mit der Zwölftontechnik von Arnold Schönberg. Die gilt unter Konzertbesuchern als konstruiert, intellektuell und abstoßend. Aber wie viele andere Komponisten auch hat Steinberg die Zwölftontechnik nicht wörtlich genommen, sondern frei angewandt und ihr damit das Konstruierte genommenn.Jetzt kommt Steinberg, der vor 74 Jahren Deutschland unter schwierigen Umständen verlassen musste, zurück in die Region - als Komponist, als Bratscher, als Zeitzeuge, letztlich einfach als Mensch. Am Montag, 10. März, 20 Uhr, spielt das Myabi-Ensemble aus Kaiserslautern in der Luxemburger Philharmonie Kammermusik von Telemann, Debussy, vor allem aber von Steinberg - unter anderem sein Streichquintett, in dem der Komponist selber mitwirkt. Vor allem wird Steinberg erzählen: von seiner Kindheit in Trier, von der Emigration, vom Aufbau des Staates Israel, von der aktuellen Situation, aber nicht zuletzt von seiner Arbeit als Künstler. Trier ehrt den 89-Jährigen mit einem Empfang, bei dem sich Steinberg in das Goldene Buch der Stadt eintragen wird."Le grand retour" schreibt die Philharmonie in der Ankündigung. Das klingt übertrieben. Aber ein kleines Stück Rückkehr mag es für Wolfgang Steinberg sein - gerade so klein oder groß, wie es möglich ist nach allem, was mit den Juden in Europa geschah.Karten unter (00352) 2632 2632. www.philharmonie.lu