Zwei Opern und drei Glücksfälle

Zwei Opern und drei Glücksfälle

Einen vergnüglichen Abend auf hohem Niveau bietet das Trierer Theater mit der Kombination der Kurz-Opern "Die Kluge" von Carl Orff und "L\'heure espagnole" von Maurice Ravel. Bei der Premiere gab es üppigen Beifall.

Trier. Es sind gleich drei Glücksfälle, die diese Produktion eher unbekannter Opern zu einem lohnenswerten Geheimtipp machen - auch für Leute, die sonst nur bei Zauberflöte oder Traviata den Weg ins Theater finden.
Da ist, zum Ersten, die Regie-Arbeit von Sven Grützmacher. Der gelernte Choreograph versteht es wie kein zweiter, die Spiel- und Bewegungsfreude aus dem Trierer Sänger-Ensemble herauszukitzeln. Da gibt\'s Tempo und Rhythmus, da speist sich der Witz aus der Körperlichkeit der Akteure, da agieren die Sänger wie am Schnürchen. Und singen dabei selbst rhythmisch vertrackteste Passagen mit stupender Genauigkeit.
Preußische Präzision


Glücksfall Nr. 2: Aus dem Graben kommt die Musik so fulminant und engagiert, als könnten die Trierer Philharmoniker in jedem Moment sehen, was auf der Bühne vor sich geht. Dirigent Victor Puhl zelebriert vor der Pause Orffs komplexe Strukturen mit preußischer Präzision, tupft aber auch mit leichter Hand die vielen persiflierenden Zitate ein, die man beim Schöpfer der "Carmina Burana" (was man oft heraushört) nicht unbedingt vermutet hätte. Im zweiten Teil gestaltet der Franzose Ravels lautmalerische Erzählungen mit mediterraner Mitteilsamkeit. Alles ist geschmeidig, man könnte auch sagen: Es swingt. Die Rhythmus-Abteilung des Orchesters zeigt sich den ganzen Abend in Hochform.
Bleibt Glücksfall Nr. 3: die Ausstattung. Ein starkes Trier-Debüt für Bühnenbildnerin Hanna Zimmer mann, fein abgestimmt mit den Kostümen von Claudia Caséra. Für die "Kluge" entwickelt sie einen kafkaesken Palast, eine eisgraue Beton-Festung, auf deren oberster Etage ein selbstverliebter König thront. Und für den Ravel setzt sie einen surreal-bunten Uhrmacherladen auf die Bühne, wie ein Gemälde von Dalí, mit den vom Himmel schwebenden Einzelteilen einer imaginären Uhr. Der fantastische Minimalismus liefert exzellent bespielbare Flächen für Grützmachers Bewegungstheater.
Es gibt keine gewaltsame inhaltliche Klammer für die zwei Kurzopern, im Gegenteil: Die Regie schärft die Gegensätze. Die 1943 uraufgeführte Geschichte von der klugen Frau, die ihren Vater vor einem rabiaten König rettet, enthüllt ihren ernsthaften Kern. Reuben Willcox, stimmlich sehr kultiviert, aber bisweilen zu wenig durchschlagskräftig, zeichnet einen brutalen Gewaltherrscher, der auf seine Untertanen pfeift (und nicht nur das). Der sich nimmt, was er will. Evelyn Czesla, so souverän wie gewandt, ist nicht das augenzwinkernde Cleverle, sondern eine Frau, die ihre Klugheit zum schieren Überleben braucht. Dass sie das Problem am Ende à la Salome löst, ist überraschend, aber im Sinn der Inszenierung folgerichtig.
Für herrliche komödiantische Kontraste sorgt das brillante Trio Luis Lay/Amadeu Tasca/Pawel Czekala als sarkastische "Untergrund-Truppe" aus der Palast-Kanalisation, aber auch Svetislav Stojanovic, Alexander Trauth, Laszlo Lukacs und Horst Lorig, deren amüsante Rahmenhandlung freilich mit Übertiteln besser zur Geltung gekommen wäre.
Die "Spanische Stunde" ist dann Comedy pur, mit der temperamentvollen, die Bühne mit ihrer Präsenz füllenden Kristina Stanek als quirlige Gattin eines weit weniger quirligen Uhrmachers (Luis Lay). Spaßig, wie ihr das Kuddelmuddel ihrer unterschiedlichen Liebhaber (Svetislav Stojanovic, Pawel Czekala) außer Kontrolle gerät. Zum Glück gibt es den kraftvollen Möbelpacker Ramiro (Amadeu Tasca), der nicht nur bei Standuhren einen Schlag hat.
Lachsalven beim Publikum angesichts der überbordenden Spielfreude des Ensemble-Quintetts und der vielen originellen Ideen. Ein bärenstarker Abend.

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