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Zwei Seiten derselben Medaille

Zwei Seiten derselben Medaille

Der ganze Doppel-Faust in netto dreieinhalb Stunden, als Extrakt aus etwa einem Fünftel der Goethe'schen Gesamt-Textmenge: Das ist ein kühnes Vorhaben, wenn man dem Dichter gerecht werden und trotzdem eine Geschichte nachvollziehbar erzählen will. Trier zeigt, dass es geht.

Trier. Reden wir nicht lange drumherum: Dieser Faust-Abend ist die schlüssigste, spannendste, handwerklich und bühnentechnisch beste Schauspiel-Produktion, die in den letzten Jahren in Trier zu sehen war. Sie wird nicht Deutschlehrers Liebling werden, dafür ist der Zugriff zu radikal. Doch sie öffnet mit packenden, innovativen, aber nie auf Provokation angelegten Bildern den Blick für das, was uns Goethes oft zur Zitatensammlung mumifiziertes Jahrtausend-Werk im Jahr 2009 zu sagen hat.

Regisseur Matthias Gehrts und Dramaturg Peter Oppermanns entscheidende Prämisse: Mephisto ist nur die teuflische Seite des Gelehrten Heinrich Faust. Beide gleichen sich wie eineiige Zwillinge, sind letztlich zwei Seiten derselben Medaille. Wenn Gretchen im Gefängnis ihr finales "Heinrich, mir graut vor dir" herauspresst, redet sie gar nicht mehr mit Faust, sondern mit seinem Alter Ego. Konsequenterweise ist dieser Mephisto auch kein großer, satanischer Verführer, sondern eher ein Dienstleister, der sich Fausts verdrängter Wünsche annimmt, und im zweiten Teil zunehmend der Mann fürs Grobe bei einem "Global Player", der Weltbeherrschungsfantasien entwickelt.

Gehrt beginnt klassizistisch und lässt seine Akteure mit Fausts Verjüngungskur einen Sprung in die Moderne machen. Der Jungbrunnen ist ein Fitnessstudio, Fausts Verwandlung ein atemberaubender Bilderrausch beim Sprint auf dem Laufband. Die Neuzeit spielt sich auf der Straße ab, über die Videoleinwand rast der Verkehr im Zeitraffer, Ampeln zeigen den Stand der Dinge an. Marthe Schwertlein schlägt ihre Zeit vor dem Fernseher mit "Wer wird Millionär?" tot, Philemon und Baucis werden von einem Containerschiff überrollt.

Die Kaiserin und ihr Stab kommen als Kabinettssitzung unter Leitung von Angela Merkel daher. Aber alle diese - oft magisch assoziativen - Bilder sind nicht platt oder plakativ, sondern ebenso raffiniert wie die gesamte Szenenwelt, für die in brillantem Zusammenwirken Bühnenbildnerin Gabriele Trinczek, Video-Künstler Ali Samadi Ahadi und Kostümbildnerin Claudia Caséra verantwortlich zeichnen. Nie sind die Möglichkeiten der Trierer Bühnentechnik annähernd so ausgelotet worden, nie konnte sie ein derart reibungsloses Funktionieren auf höchstem Niveau demonstrieren - einzelne akustische Verständlichkeitsprobleme ausgenommen.

Das liegt aber auch an der perfekten Komposition von Bild, prägnant ausgewählter Musik und klassischer Schauspielkunst. Denn Gehrt schafft das Kunststück, nicht in der Flut seiner Bilder unterzugehen, sondern immer wieder durch radikale Tempowechsel Platz zu schaffen für exzellentes Schauspielertheater. Vor allem im ersten Teil, der den "Faust" zu einem intensiven, fast kammerartigen Drei-Personen-Schauspiel konzentriert - was die Leistung der Nebenfiguren nicht schmälern soll. Bruno Winzen ist ein intensiver, kraftvoller, besitzergreifender Faust, dessen Welthunger irgendwann in zynischen Materialismus umschlägt. Michael Ophelders stellt ihm einen Mephisto gegenüber, der eher in Zweckmäßigkeits-Kategorien denkt, ein fast kühler Architekt der Macht. Antje Härles Gretchen ist kein blässliches Opfer, sondern eine junge Frau, die ein Stück vom Glück packen will und dabei katastrophal scheitert.

Der zweite Teil gehört dann den großen, grellen, bildermächtigen Tableaus. Die "klassische Walpurgisnacht" entschädigt für das komplette Fehlen des Blocksberg-Hexentreffens in Faust I. Geradezu unfassbar die Aktualität von Goethes Anmerkungen über das Geld und seine Rolle: Da mag mancher im Publikum kaum glauben, dass die Kommentare zur Weltmarktkrise zwei Jahrhunderte alt sind.

Schlag nach bei Goethe, da steht alles schon drin



Und wenn vom "Grenzenlosen, zu dem die Menschen grenzenlos Vertrauen fassen", die Rede ist, lässt Gehrt Geldscheine vom Himmel regnen. Die Zerstörung von Umwelt und Lebensraum, Krieg, Erbgut-Manipulation: Schlag nach bei Goethe, denn da steht alles schon drin - auch das ist ein Fazit dieses Abends.

Das Haus am Augustinerhof geht an seine Grenzen, auch das Ensemble, das einen Rollen-Marathon abliefert. Sabine Brandauer, Jan Brunhoeber, Manfred-Paul Hänig, Klaus-Michael Nix, Angelika Schmid, Peter Singer, Paul Steinbach, Tim Olrik Stöneberg, Susanne Strach, Helge Gutbrod, Hans-Peter Leu, die Tänzer Erika Charalambous und Reveriano Camil, die Statisterie: Ihr Engagement beschert dem Trie rer Publikum einen außergewöhnlichen Theaterabend, für den es sich mit ausgiebigem Beifall bedankt.