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Zwei ungleiche Brüder

Zwei ungleiche Brüder

TRIER. Dass zwei Jungs aus dem gleichen Elternhaus ihr Geld mit der Kehle verdienen, dürfte schon ziemlich selten vorkommen. Eine Rarität ist aber allemal, dass der eine es als Rock-Röhre gepackt hat, und der andere als klassischer Tenor. Zwei CDs, dieser Tage erschienen, erlauben einen reizvollen Vergleich.

Vielleicht lag es ja an der besonderen Trier-Süder Luft. Oder an der Tatsache, dass der Opa Dirigent und der Vater Organist war. Jedenfalls war die Neigung zur Gesangskunst bei Michael und Thomas Kiessling schon frühzeitig ausgeprägt. Michael, der Ältere, leitete den Mattheiser Schülerchor, Thomas sang eifrig mit. Der Große gründete irgendwann seine erste eigene Band, den Kleinen zog es schon als Nachwuchs-Sänger auf die Theater-Bühne. Aus den Kinder-Hobbys wuchsen Lebens-Perspektiven. Michael absolvierte wie fast alle Rock-Musiker lange Lehr- und Wanderjahre durch viele Bands und Projekte, bis er sich in Berlin mit seinen Waits/Bukowski-Revuen und als Sänger beim "Ton-Steine-Scherben"-Revival etablieren konnte. Thomas ging den Weg aller "Klassiker" über ein Gesangs-Studium, feierte mit den "Jungen Tenören" große Erfolge - und kehrte dann zum Theater und zum Liedgesang zurück. Gemeinsam auf der Bühne gestanden haben sie noch nie. Obwohl das "sicher sehr originell" wäre, wie Michael Kiessling meint. Da wären freilich zwei völlig entgegengesetzte Hör-Erlebnisse unter einen Hut zu bringen. Michaels faszinierende Stimme klingt mit 49 whisky-dunkler und sandpapier-rauer als je zuvor. Würde sein sieben Jahre jüngerer Bruder die gepflegten Stimmbänder derart sträflich strapazieren, wäre es mit den lupenreinen Tönen und damit der Tenor-Karriere wohl abrupt vorbei. Einen Vergleich der ungleichen Brüder erlauben zwei jüngst erschienene CDs, die schon thematisch kaum unterschiedlicher sein könnten. Thomas Kiessling widmet sich mit Schumanns "Dichterliebe" dem klassischen Kunstlied, singt - am Klavier von Christoph Jung begleitet - von "Flöten und Geigen", dem "wunderschönen Monat Mai" und "leuchtenden Sommermorgen". Michael Kiessling wünscht dagegen "Fiese Weihnacht", präsentiert gemeinsam mit der Schauspielerin Marie Gruber und dem Schriftsteller Jacques Berndorf "Weihnachtskarten von einer Nutte aus Minneapolis", "hysterische Engel" und "verlorene Paradiese". Beiden gemeinsam ist die kleine, intime Form. Thomas Kiessling, zuletzt mit seiner sensationellen "Neapolitanische Lieder"-CD orchestral-wuchtig und expressiv, übt sich in der Kunst der noblen Zurückhaltung - was ihm nicht immer leicht fällt. Präzise Diktion und sorgfältiger Umgang mit dem Text machen den Schumann-Zyklus, aber vor allem die ergänzenden fünf Strauss-Lieder allemal hörenswert. Michael Kiessling hingegen vernuschelt und verzerrt grandios ein ganzes Repertoire klassischer Weihnachtslieder von der "Stillen Nacht" bis "Es ist ein Ros entsprungen". Selbst längst totgejodelten Pop-Weihnachtshits wie "Last Christmas" oder Ami-Unvermeidlichkeiten wie "Winterwonderland" oder "Let it snow" gewinnt er neue Nuancen ab. Noch schöner wäre es gewesen, hätte man die Bar-Revue, deren Programm sich auf dieser CD wieder findet, in echter Live-Atmosphäre aufgenommen. Vielleicht klappt's ja irgendwann doch mit dem gemeinsamen Auftritt. Wunschprogramm: Thomas Kiessling singt Tom Waits' "In der Nachbarschaft" und Michael Kiessling intoniert "O sole mio". Thomas Kiessling: "Dichterliebe". Erschienen als Vorab-Veröffentlichung zu Gunsten der Aktion "Frankenturm", erhältlich bei allen Frankenturm-Veranstaltungen. Offizielle bundesweite Vorstellung Anfang 2006. Thomas Kiessling tritt ab Ende Januar im Trierer Theater in der "Czardasfürstin" auf. Michael Kiessling: "Fiese Weihnacht". Erschienen beim Label "BuschFunk", überall im Plattenhandel erhältlich oder bestellbar. Das Programm der gleichnamigen Revue (mit Marie Gruber, Matthias Behrsing und Jens Saleh) ist am 18. Dezember um 20 Uhr im Walderdorffs am Trierer Domfreihof zu sehen.