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Weltkulturerbe
Zwischen Bonbonpapierchen und innerer Einkehr: Wie ist es, ein Denkmal wie die Konstantin-Basilika täglich in Schuss zu halten

Trier. Bonbonpapierchen, gebrauchte Taschentücher und sogar Urinpfützen: Auch ein ehemaliger Thronsaal will in Schuss gehalten werden. Für die Konstantin-Basilika sorgen nicht nur die Küster, sondern auch die Putzfrauen. Stefanie Braun

Es ist schon ein bisschen kühl draußen. Trotzdem müssen Monika, Marion und Edith noch schnell eine rauchen, bevor sie mit der Arbeit anfangen. Noch ein bisschen schwätzen und scherzen, bevor sie auf jedes Detail achten müssen. Auf Staubflächen auf Kerzenständern, Bonbonpapierchen auf Steinfliesen, gebrauchte Taschentücher unter Holzbänken. Eben alles, was Leute so achtlos fallen lassen.

Mehr als 1800 Quadratmeter wollen gekehrt, geputzt und abgewischt werden. Die drei sind die Putzfrauen der Konstantin-Basilika. Edith möchte ihren Nachnamen nicht nennen, genauso wie ihre beiden Kolleginnen. Sie arbeitet derzeit ehrenamtlich als Reinigungskraft in der evangelischen Kirche. Die 62-Jährige lebt erst seit zwei Jahren in der ältesten Stadt Deutschlands. Vor Monaten hat sie als Aushilfe für eine kranke Kollegin von Monika und Marion angefangen, seitdem kommt sie immer wieder mal, um jemanden zu vertreten.

Sie versuche schon etwas vorsichtiger zu putzen, sagt sie, immerhin will sie ja nichts kaputt machen. Aber irgendwie habe sie sich auch schon dran gewöhnt, in diesem Weltkulturerbe zu arbeiten. Egal, ob Thronsaal oder Kirche, Staub muss weg. Die drei Frauen ziehen sich um, gehen ihre behäkelten Besen holen, auf jedem steht ein Name. "Bei mir ist‘s allerdings der der kranken Kollegin", sagt Edith und lacht gutgelaunt. Sie kommt gerne her.

Bevor‘s losgeht, zünden die drei noch Gedenk-Teelichter auf einem metallischen Kerzenständer in From eines Globus vorne am Altar an: drei für sich als Team, eine für die Kranke, ein paar für Verwandte, Freunde, Verstorbene, eben für jeden, der es gut brauchen kann. Zweimal in der Woche putzen sie, zweimal in der Woche stellen sie Kerzen auf.

Vernünftig aussehen und hübsch Küster Peter Becker hatte den Globus erst vor wenigen Minuten abgeräumt. Der 47-Jährige ist seit vier Monaten als Vollzeitkraft angestellt, sechs Tage in der Woche kümmert er sich darum, dass in der Basilika alles so läuft, wie es soll. Gerade entfernt er vorsichtig die Spinnweben von der rauen Steinwand. Nur die Spinnweben, keine Steinchen, jeder Krümel ist kostbares Weltkulturerbe.

Ja, das ist ein Denkmal, aber es ist eben auch eine Kirche. Ein Ort, der fast täglich im Gebrauch ist, in den Leute kommen, um Einkehr zu suchen und mit sich und ihren Sorgen alleine zu sein. Da müsse es schon vernünftig aussehen. Und auch ein bisschen hübsch.

Das ist heute Morgen Lidia Kellers Job. Montag ist Blumentag. Da bringt die Küsterin immer frische Sträuße in die Basilika, steckt sie mit etwas Steckmoos in gebrannten Tonvasen fest, und richtet sie auf dem Altar und im hinteren Saal, wo die Chorproben stattfinden, schön an. Heute hat sie Lilien gekauft.

Seit 16 Jahren ist sie Küsterin, über eine Annonce hatte sie sich damals beworben. Mittlerweile hat sie nur noch eine halbe Stelle, fünf Tage Dienst, Dienstag und Donnerstag hat sie frei und einmal im Monat ein Wochenende. "Es ist schon sehr geschäftig," sagt sie. Hochzeiten, Beerdigungen, Chorproben, manchmal zwei Messen am Tag, und natürlich der Besichtigungsbetrieb. "Es ist schön zu sehen, dass Leute aus der ganzen Welt kommen, um die Basilika zu sehen. Menschen reisen aus China, den USA, Australien eben nicht per Zufall an, sondern weil sie das hier sehen wollen." Bei so vielen Gästen müssen sie und ihre Kollegen die Augen immer überall haben, es gebe keine Langeweile.

Und teilweise wären die Leute auch unverschämt. "Wir müssen bei Messen manchmal zu zweit am Eingang stehen und aufpassen, dass keine Touristengruppen stören," sagt Keller. Sie kämen trotz Hinweisschild im Eingang in die Basilika und wollen ihre Führungen machen und Fotos schießen. Besonders Jugendliche und Schulklassen müsse man immer wieder daran erinnern, dass das auch eine Kirche sei, und nicht nur ein Baudenkmal. "Man kann hier eben nicht schreien, um die Akustik zu testen, während andere Menschen beten und Ruhe suchen", sagt Becker.

Im laufenden Betrieb müssen die Küster immer wieder für ein Gleichgewicht zwischen Andacht und Trubel sorgen. Die Putzfrauen kümmern sich sprichwörtlich um den Rest: Taschentücher, Bonbonpapier, Urin. Eine solche Pfütze haben sie auf der Treppe runter zu den Ausgrabungen bereits gefunden. Und weggewischt. Sie wissen von Leuten, die über das verschlossene Törchen an der Treppe geklettert sind, um sich die Orgel anzusehen. "Die Leute denken sich, dass sie eben nur heute hier sind und dass sie ein Recht darauf haben, die Basilika zu sehen", sagt die Küsterin und steckt Blumen ins Moos.

Zwischenzeitlich hatte der ehemalige Thronsaal viele Funktionen erfüllt: Lazarett, Viehmarkthalle, Kaserne. Im zweiten Weltkrieg war die Basilika dann komplett zerstört und 1956 wieder aufgebaut worden. Gerade haben sie wieder Handwerker im Haus, die Drehtür ist kaputt, ein Türrahmen muss neu gestrichen werden.

Eine Gemeindeumfrage soll zudem ermitteln, ob der Deckel der Kanzel repariert und wieder aufgestellt werden soll, sagt Lidia Keller. Ob sie sich denn vorstellen könnte, dass das mal ein Thronsaal gewesen sei? Ja, sagt Keller, sie habe mal eine Führung mitgemacht und sich das kaiserliche Heizsystem erklären lassen: ein doppelter Boden, durch den mittels Öfen heiße Luft geleitet wird, die verteilt sich in den Zwischenräumen, in den Wänden und wird nahe der Decke wieder nach außen geleitet. "Heute haben wir wieder eine Fußbodenheizung. Aber eine elektrische", sagt sie. Vorne bei Konstantins Thron muss es am wärmsten gewesen sein.

Beeindruckend, nahezu magisch Man müsse sich das so vorstellen, sagt Peter Becker und saugt die letzten Staubkrümel vom Boden auf: Die alten Germanen kamen von draußen aus der Kälte und je näher sie dem Thron kamen, umso wärmer wurde es. Das muss beeindruckend gewesen sein, für die einfachen Germanen nahezu magisch. "Da wurden die immens wichtigen Sachen, die man auf dem Herzen hatte, bestimmt immer unwichtiger." Er würde schon gerne wissen, wie es früher in der Basilika ausgesehen hat, als die Wände noch mit Marmor verkleidet waren, Mosaike bis an die Decke reichten, als alles mit Farben und Gold verziert war.
Prächtig müsse es gewesen sein, imposant ist die Basilika allemal noch: "Die meisten Leute kommen rein und sehen erstmal nur ein Riesengebäude, und nicht die vielen kleinen Details." Aber irgendwann fange man an die zu sehen, sagt Becker, wie etwa die Bonbonpapierchen unter den Bänken oder die Spinnweben an den Wänden.