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Zwischen Euphorie und Galgenhumor

Zwischen Euphorie und Galgenhumor

So hat sich der Erste Weltkrieg selten dargestellt - euphorisch, befreiend, teilweise beschwingt und mit Galgenhumor. Das Konzert "War and Pieces" in der Luxemburger Philharmonie schildert die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts aus der Sicht Betroffener. Und zeichnet die Grundstimmung nach, die zu Kriegsbeginn die Menschen erfasste.

Luxemburg. Man verlässt die Philharmonie mit einer Mischung aus Amüsement und Beklemmung. So neu und so anders hat sich der Erste Weltkrieg nur selten dargestellt. Der Start mit Beethovens "Egmont"-Ouvertüre, gespielt vom Orchestre Philharmonique unter Sascha Goetzel, einem martialischen Zitat aus dem ersten Akt von Goethes gleichnamigem Drama und einem Propagandagedicht über "das deutsche Geschütz" mochte dem aktuellen Bild des Kriegs noch am nächsten kommen. Auch Gabriel Prokofjews Violinkonzert mit dem moderierenden Solisten Daniel Hope sprach in futuristisch beeinflussten Klangbildern vor allem von Tod, Zerstörung und dem Ende der alten Welt. Und das gleichfalls uraufgeführte Chorwerk "Papillon" von Catherine Kontz wirkte in der blitzsauberen Ausführung durch den Robert-Schuman-Chor (Leitung: Martin Folz) und seinen historischen, auf das Mittelalter zurückgreifenden Stilelementen wie ein stilles Requiem.
Doch in der Pause wechselte die Veranstaltung mit etwa 300 Zuhörern vom großen Auditorium in den Kammermusiksaal, und inhaltlich erschloss sich eine andere Welt. Da beleuchteten Tenor Michael Schade und eine sechsköpfige Combo mit Daniel Hope an der Spitze mit Songs von Patrick Gilmore bis Norbert Schultze den Krieg aus einer ganz anderen Perspektive.
Ja, es waren auch mahnende und warnende Stimmen dabei - ein Gedicht von Wilfred Owen (1893-1918) beispielsweise, Dichter von Brittens "War Requiem". Aber in den meisten Songs und Gedichten spiegelte sich die enorme Euphorie bei Kriegsbeginn, eine Aufbruchsstimmung, als hätte sich mit dem Waffengang alles Enge, Verschrobene, Unehrliche der alten Zivilisation erledigt. Michael Schade, der weltberühmte Tenor, der noch vier Tage zuvor an der Wiener Staatsoper den "Idomeneo" gesungen hatte, ging die meist britischen Songs mit Vehemenz an und offenbarte auch auf diesem für ihn neuen Terrain ein beeindruckend reiches Klang- und Ausdrucksspektrum.
Mag sein, dass mit zunehmender Kriegsdauer die Hochstimmung Schritt für Schritt von Galgenhumor abgelöst wurde. Aber etwas von der Anfangsbegeisterung überdauerte bekanntlich Krieg und Friedensschluss: die Rede vom "Stahlbad" etwa oder Ernst Jüngers "Stahlgewitter". Auch das, und nicht nur das Elend in den Schützengräben gehört zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mit ihren vorhersehbaren Folgen. "War and Pieces" hat diese Aspekte eindringlich in Worte und Töne gefasst.