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Zwischen Kampf und Traum

Zwischen Kampf und Traum

Eine Rarität bot sich dem Publikum am Sonntag im Kasino am Kornmarkt. Dort hatte in einer spartenübergreifenden, eindrücklichen Inszenierung Astor Piazzollas Oper "Maria de Buenos Aires" Premiere.

Trier. Der argentinische Tango ist ewiger Kampf wie getanzter Traum. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich Astor Piazzollas Oper "Maria de Buenos Aires". Eigentlich ist sein "Tango operita" ein Oratorium vom Leidensweg des Mädchens Maria aus einem jener unzähligen Elendsquartiere der argentinischen Hauptstadt, in denen die Anonymität gleichermaßen das Individuum unsichtbar macht, wie sie Schutz vor der Scham des Elends ist.
Laufsteg des Leidens


Aus eben dieser Anonymität führt Karin Maria Piening ihre Maria hinaus. Ihre Vorstadt ist eine Kabinenreihe auf der Kasino-Bühne, deren Kammern ärmliche Hütte wie Bordell, Heimat wie Hölle und Geisterhaus sind. Von dort hat die Regisseurin einen Steg mitten ins Publikum gebaut, auf dem Marias Passionsweg seinen Lauf nimmt. Von der hoffnungsfrohen jungen Frau zur Hure, die ihren Schatten gebiert und als Geist auf der Suche danach herumirren muss, bis hin zu ihrer Auferstehung als Ikone.
Auge in Auge sitzt sich das Publikum auf beiden Seiten dieses Laufstegs des Leidens, der Gewalt und Erniedrigung, der Scheinheiligkeit und der zerstörten Träume gegenüber. Wegsehen geht da nicht. Piening macht ihre Zuschauer gnadenlos zu Mitleidenden, vielleicht sogar zu Mitverantwortlichen eines weit über die Schmerzgrenze gehenden nie endenden Leidenswegs.
In der Trierer Inszenierung wird nicht viel getanzt. Und doch ist die Seele des Tangos im Spiel und der Musik allgegenwärtig. Dabei gibt Stephan Langenberg auf dem melancholischen Bandonéon, dem argentinischen Volksinstrument, den Herzkammerton an. Karin Maria Piening und ihrer Bühnen- und Kostümbildnerin Rebekka Dornhege Reyes ist eine ausgesprochen dichte, bild- wie sprachmächtige Kammeroper gelungen, voller Kraft, Poesie und jener Komik, die in der Normalität steckt. Zur Poesie tragen nicht zuletzt die wunderbaren Texte des uruguayischen Lyrikers Horacio Ferrer bei. Die Trierer Inszenierung lässt keinen Zweifel an der sozial-wie kirchenkritischen Substanz der Oper. Dabei setzt sie auf die Bildmacht der Kunst. Es sind eindringliche, verstörende Bilder, die Piening geschaffen hat. Großartig die unheimliche Maskenszene und die wahnwitzige der Psychoanalytiker, die an den Surrealismus der Filme von Luis Buñuel und Carlos Saura erinnern und an die gespenstischen Masken eines James Ensor.

Am Ende wird Maria selbst zur Maske, zum Andachtsbild hinter, dem sich Abgründe auftun. Luiza Braz Batista ist eine großartige, leidenschaftliche Maria, eine Verkörperung des Leids wie des Widerstands. Im Laufe des Abends wandelt sie sich von der unbekümmerten Glückssucherin zur gedemütigten Frau, ist wehrhafte Bestie und zu Boden geworfenes Opfer. Auch wenn man kein Spanisch kann: Die Erotik ihrer dunklen Singstimme, ihre bisweilen raue Klage, sind unmissverständlich.
Gewaltig ohne Pathos


Als treuer El Duende ist ihr Tilman Rose ein ausdrucksstarker, wandlungsfähiger Partner, sprachgewaltig ohne Pathos, verliebt, witzig, verzweifelt, mitleidend. Sehr schön und vielseitig in Stimme und Spiel: Bonko Karadjov als Cantor mit seinem seelenvollen Tenor. Unter der Leitung von Dean Wilmington überzeugte das fünfköpfige Kammerensemble aus Bandonéon, Bass, Gitarre, Violine und Querflöte. Für die erkrankte Katharina John war neben Peter Fröhlich für die Dramaturgie Ulf Frötzschner miteingesprungen. Leider riss die Pause den Passionsweg von 90 Minuten etwas auseinander. Und auch den Laiendarstellern hätte man noch ein paar Proben gegönnt.
Weitere Vorstellungen der Tango-Oper "Maria de Buenos Aires" im Kasino am Kornmarkt sind am heutigen Dienstag, am Mittwoch, 1. Februar, Mittwoch, 8. Februar, Sonntag, 12. Februar, Mittwoch, 15. Februar, Donnerstag, 16. Februar, Mittwoch, 22. Februar, Mittwoch, 1. März, Dienstag, 7. März. Jeweils um 19.30 Uhr.