Zwischen Klamauk und Betroffenheit

Zwischen Klamauk und Betroffenheit

Karl Dall hat in dem Stück "Der Opa" eine gelungene Kombination aus Humor und möglicher Selbsterfahrung gezeigt. Manch ein Besucher scheint sich in der Figur wiedererkannt zu haben.

Bitburg. Was bedrückt einen Mann über 70? Wie geht er mit den Herausforderungen des Alters um? Für den erholungswütigen Rentner Karl Dall in seinem Stück "Der Opa", das er vor 150 Besuchern in der Bitburger Stadthalle gezeigt hat, ist das klar: Wenn man im Alter noch traumatisiert ist von den eigenen Kindern und diese endlich auf eigenen Füßen stehen, geht man alleine auf den Golfplatz und mit der Frau zur Erholung nach Mallorca zum "Batterien aufladen, nicht nur die vom Hörgerät".
Prominente veralbert


Die Änderungen, die man im Alter vollzieht, beschreibt Dall amüsant, manchmal mit auch etwas derbem Humor. Etwa bei der Frage, ob man als 70-Jähriger noch kleine Kinder in die Luft werfen soll. Natürlich nicht, denn zwei Dinge verhindern, dass man diese wieder sicher auffängt: Die Gleitsichtbrille lässt einen das Kind doppelt sehen ("Für welches der beiden in der Luft soll ich mich entscheiden?"), und man könnte natürlich vor dem Fangen auch vergessen haben, dass man es hochgeworfen hat.
Karl Dall spart auch nicht mit Anspielungen auf aktuelle Themen wie den Berliner Großflughafen, wo Rentner als Testpersonen die Sicherheitseinrichtungen und Kaufmöglichkeiten testen, und zieht auch reichlich Prominente von Bettina Wulf über Inge Meysel bis hin zu Silvio Berlusconi durch den Kakao. Köstlich seine Erzählung, als er unerkannt im schleswig-holsteinischen Geesthacht Viagra zu kaufen versucht! Zum Piepen, als sein Arzt ihn für seine schöne Prostata lobt und er überlegt, die bei der Untersuchung rektal aufgenommenen Bilder als DVD an seine Familienmitglieder zu verschenken. Der Komiker Dall, wie man ihn kennt und erwartet. Doch in seiner Figur als Opa hält er den Zuschauern auch manchen Spiegel vor. Ihm gelingt dabei die schwierige Gratwanderung zwischen Humor und Betroffenheit.
Und so mancher Besucher im altersgemischten Publikum lacht nicht mehr, weil ihm die Dinge, die Dall thematisiert, bekannt vorkommen. Beispielsweise, als der unsympathische junge Mann mit dem "nicht richtigen" Beruf zum ersten Mal die jüngste Tochter abholt, diese schwängert und ihn schließlich um deren Hand bittet.
Publikum betroffen


Nur schwer akzeptiert Dall seine dadurch vorgegebene neue Rolle "Opa sein für immer" anstelle des großen Aufreißers, für den er sich immer gehalten hat. "Alles dreht sich jetzt um das noch gar nicht geborene Enkelkind, und ich fange wieder bei null an", beklagt er sich. Die stärkste Szene in dem Stück ist, als Dall im Krankenhaus auf die Geburt des Enkelkinds wartet und sich währenddessen sentimental an seinen Vater erinnert, mit dem typischen Papa-Geruch aus Schweiß, Leder und Tabak. Das ist kein Klamauk, das ist hohe Schauspielkunst.
Zögerlicher Applaus


Dann wechselt Dall zu den Todesanzeigen in der Zeitung, die ihn verzweifeln lassen. Der ist so alt wie man selbst, und wen kennt man noch? Irgendwie komisch, aber im Publikum ist betroffen wirkende Stille.
Auch bei der Frage, was sich ein Ehepaar noch zu sagen hat, wenn die Kinder aus dem Haus sind, rührt Dall am Nerv der Besucher. So mancher scheint sich in der Figur des Opas wiederzuerkennen und über sich nachzudenken. So beginnt das Publikum am Ende des Stückes nur langsam mit dem Applaus, setzt ihn dann aber umso stärker fort und belohnt Dall für eine starke Vorstellung.

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