Zwischen Naturverbundenheit und Kriegseuphorie

Luxemburg · Solche Konzertabende sind selten und deshalb unvergesslich: Das New York Philharmonic Orchestra hat am Mittwoch eine atemlose Atmosphäre der Verschmelzung von Klangkörper und Publikum geschafft.

(tab) Der erste Ton war noch nicht verklungen, da hätte man schon eine Stecknadel fallen hören können. In einer Atmosphäre höchster Konzentration war die Verschmelzung von Orchester und Publikum ad hoc vollzogen. Alan Gilbert, der erste tatsächlich in New York geborene musikalische Leiter des New Yorker Klangkörpers führte mit Finesse und Leichtigkeit und ohne einen Blick auf die Partitur durch ein Konzert der Superlative.

Schon mit der Prelude à l'après-midi d'un faune, dem doppeldeutig erotischen "Vorspiel zum Nachmittag des Faun", zogen Harfen und Flöten das Publikum in die verwunschene spätromantische Sagenwelt des Claude Debussy. Wogend und vollkommen entschleunigt präsentierten die New Yorker die französische Version vom Wald-Naturbild. Zum Abschluss des Konzerts spielten sie als Kontrast Paul Hindemiths symphonische Metamorphosen des deutschen Romantik-Komponisten Carl Maria von Weber über den Wald. Das 1943 im amerikanischen Exil entstandene Orchesterwerk wirkte kraftvoll und verspielt durch die jazzigen Bläser-Variationen des Wald-Themas. Diese wurden immer wieder durch Hindemiths moderne Rhythmik durchbrochen. Wie Trotz wirkte der letzte Satz, ein Marsch, der die Auferstehung des "deutschen Waldes" gegenüber den Nationalsozialisten zelebriert, die Hindemiths Musik als entartet verboten hatten.

Mit Jean Sibelius' Concerto pour Violon et orchestre in d-Moll präsentierten die Musiker im Mittelteil gemeinsam mit dem atemlos majestätischen Violinvirtuosen Leonidas Kavakos ein Werk von 1904, das die widerstreitenden Themen seiner Zeit musikalisch erfasste. Zum einen der melancholisch-nostaligische Blick zurück in die Romantik und deren Ideal von der harmonischen Verschmelzung mit der Natur und zum anderen der immer lauter werdende Ruf zu den Waffen im Vorweltkriegseuropa. Diese Zerrissenheit zwischen Harmonie und patriotischer Kriegseuphorie intonierte Leonidas Kavakos mit einem unbedingten, mal volltönenden, mal zärtlich-sanftem Spiel.

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