Zwischen Traum und Wirklichkeit

Luxemburg · Mit lang anhaltendem Jubel bedachten die Zuschauer im voll besetzten Luxemburger Grand Théâtre Alexander Schulins eindrucksvolle Inszenierung des "Fliegenden Holländers". Die Oper ist eine Koproduktion des Wagner Geneva Festivals, des Theâtre de Caen und der Theater der Stadt Luxemburg.

Zwischen Traum und Wirklichkeit
Foto: Gregory Batardon (g_kultur

Luxemburg. Im weiten leeren Bühnenraum liegt Senta, ihre "Holländer"-Puppe im Arm, und träumt ihren Traum vom ruhelosen Seefahrer, den sie aus der Verdammnis befreien will. Lärmend und düster fällt der grobschlächtige Haufen der Seeleute ins Bild und torkelt im Sturm über Bettina Meyers schräg abfallende Bühne. Die Wirklichkeit hat den Traum eingeholt.
Richard Wagners romantische Oper "Der fliegende Holländer" ist bekanntlich ein Frühwerk, eine Oper, die gern unter "Wagner für Anfänger" einsortiert wird. Dabei gilt das Anfängliche ebenso für den Komponisten. Auch wenn der "Holländer" mit seinen Harmonien, seiner Erlösungssehnsucht, seiner Traumdeutung schon auf das spätere Werk hinweist, so bleibt die Oper mit ihrer durchgehenden Folge aus Rezitativ und Arie doch recht konventionell.
Was musikalisch überkommen scheint, macht Alexander Schulins Inszenierung zu einem aktuellen, geradezu tiefenpsychologischen Drama, dessen Dilemma die Musik fein ausdeutet. Schulin hat sich für die als durchgehende musikalische Ballade erzählte Urfassung der Oper von 1841 entschieden, die in Schottland spielt. Weshalb Sentas Vater hier auch Donald statt Daland, und der Jäger Georg statt Erik heißt.
Schulin erzählt keine alte Sage. Auf seiner Bühne kreuzen keine Schiffe. Schulin beschränkt sich auf Zeichen. Seine Inszenierung berichtet vom unverändert aktuellen Widerspruch zwischen Traum und Wirklichkeit und von der Idee, die nicht selten an der Trivialität scheitert. Das tut sie mit starken, großartigen Bildern. Banal wird es dabei nie.
Das Innere des Bühnenwürfels mit seiner abfallenden Fläche ist Felsenriff wie schwankender Schiffsboden, Fest- und Handelsplatz sowie intime Spinnstube. Ein Schaukasten, in dessen schmalen Panoramafenstern Bert Zanders schwarzweiße Videos Natur- und Seelenstimmung in Einklang bringen.
Packend und stimmgewaltig


Dass Schulins Holländer so unmittelbar packt, verdankt sich vor allem aber den stimmlichen wie darstellerischen Qualitäten der hervorragenden Sänger in Bettina Walters Kostümen. Ein leidendes Meerungeheuer ist Alfred Walker mit seinem kraftvollen Bariton als heilloser Holländer. Einer, der Jahrhunderte von Meerestang und Verdammnis mit sich schleppt und nicht Liebe, sondern Erlösung sucht. Ingela Brimberg, deren enormer Sopran von tief unten bis in schwindelnde Höhen steigen kann, und die ihre Holländer-Puppe wie einen Fetisch umklammert, klammert als Senta ebenso an ihrer Idee. Das ist kein kleines Mädchen, das alten Sagen nachträumt. Ihr Sendungsbewusstsein hat etwas Fanatisches wie Verzweifeltes.
Mit feiner Ironie entlarvt Schulin die falsche Idylle der bürgerlich geordneten Welt Sentas. Ihr Vater Donald (Liang Li) in Anzug und Hosenträgern ist ein agiler Geschäftsmann, dessen Krämerseele ohne Skrupel umgehend die eigene Tochter an den vermeintlich reichen Fremden verschachert. Leider ist sein eindrücklicher Bass nicht immer gut zu verstehen.
Die Spinnstube ist ein Ort geistiger Enge, Häme und seelischer Kälte. Das Fest der Seeleute gleicht einem Totentanz. Fast überflüssig erscheint die Gestalt Georgs (Marcel Reijans), der Senta liebt. Wunderbar lyrisch: der Tenor des Steuermanns (Maximilian Schmitt). Energisch und zupackend leitet François Xavier- Roth `das französische Orchester Les Siècles, lässt farbenreich und dynamisch spielen. Nicht immer klappt die Koordination mit der Bühne. Sehr gut aufgestellt ist der Chor ( ebenfalls Les Siècles).
Zweite Aufführung: Montag, 11. Mai, 20 Uhr.

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