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Zwölf Minuten bis zur Explosion

Zwölf Minuten bis zur Explosion

TRIER. Nach der Erfolgsproduktion "Kälte" widmet sich das Trierer Theater im Studio erneut einem ebenso aktuellen wie brisanten gesellschaftspolitischen Thema: Im Mittelpunkt des Ein-Personen-Stückes "Womanbomb", das am kommenden Donnerstag Premiere hat, steht eine Selbstmord-Attentäterin.

Sie sind eine der verstörendsten Erscheinungen unserer Zeit: Menschen, die sich selbst umbringen, um andere mit in den Tod zu reißen. Politisch motivierte Attentäter hat es immer gegeben, aber in der Regel waren sie darauf bedacht, selbst zu überleben. Das machte sie berechenbar. Und wenn sie den eigenen Tod in Kauf nahmen, dann als "Betriebsunfall". Aber die menschlichen Bomben, die tagtäglich im Irak oder in Nahost hochgehen, sprengen sich gezielt selbst in die Luft, werfen bewusst ihr Leben weg, um politische oder religiöse Ziele zu verfolgen. Das ist zutiefst beunruhigend, zumindest nach mitteleuropäischen Denkmustern. Vielleicht kann das Theater helfen, sich diesem traurigen Phänomen zu nähern. Ende 2004 wurde das Stück "Womanbomb" (Bombenfrau) der kroatischen Autorin Ivana Sajko zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt. Es schildert die letzten zwölfeinhalb Minuten im Leben einer Selbstmord-Attentäterin, die darauf wartet, sich gemeinsam mit einem nicht näher beschriebenen, aber offenkundig mächtigen Politiker in die Luft zu sprengen. Regisseur Steffen Popp und Schauspielerin Hille Beseler sind eher zufällig auf "Womanbomb" gestoßen, als sie nach einem Ein-Frau-Schauspiel für das Trierer Theater-Studio suchten. Die Entscheidung, das Stück zu machen, sei dann "ganz schnell" gefallen, erzählt Popp. Zu faszinierend war das Thema, auch wenn es, wie Beseler sagt, unmöglich ist, "sich diese Situation wirklich vorzustellen". Sich hineinzuversetzen in eine solche Frau, könne "immer nur ein Versuch" sein. Was den Versuch erleichtert, ist der Umstand, dass die Autorin sich selbst und ihre eigenen Gedanken in das Stück mit eingebracht hat. Diese verfremdende Ebene verhindert einen allzu realistischen Ansatz, der ohnehin zum Scheitern verurteilt wäre. Popp und Beseler gehen sogar noch ein bisschen weiter, verlegen die Szenerie in ein japanisches Ambiente, um allzu simple politische Quervergleiche zu vermeiden. Dennoch sei das Stück sehr politisch, betonen Regisseur und Darstellerin. Obwohl oder gerade weil die Autorin sich vordergründiger Urteile enthält. Seit der Entscheidung, "Womanbomb" auf die Bühne zu bringen, haben die beiden Macher reichlich andere Stücke gelesen, Filme angeschaut, Literatur gewälzt. Und doch: "Es bleibt etwas sehr Fremdes", sagt Hille Beseler. Dabei hat die 30-Jährige Erfahrung mit extremen Rollen. Ihre Johanna von Orléans im letztjährigen Trierer "Schiller-Projekt" war ein packender Grenzgang entlang der Klippe zwischen Wahn und Freiheitsdrang. Die Johanna, die sie auch schon im experimentellen Theater gespielt hat, habe "ganz viel mit Womanbomb zu tun", lautet ihre Feststellung. Kein Wunder also, dass ausgerechnet Hille Beseler auf diese Rolle gestoßen ist. Mit ihrem Mona-Lisa-Lächeln und dem Schuss Rätselhaftigkeit und Irritation, der ihrem Blick innewohnt, ist sie prädestiniert für hybride Charaktere. Vor ihrer Trierer Zeit war sie zwei Jahre mit Peter Steins legendärer 24-Stunden-"Faust"-Produktion unterwegs, in Wien, Berlin und auf der Expo in Hannover. Und mit Klaus Michael Grüber hat sie einen weiteren Regie-Giganten bei der Arbeit an Horvaths "Don Juan" aus der Nähe kennen gelernt. Nun bleiben ihr noch wenige Tage, um die "Bombenfrau" zu stemmen. 35 Seiten Text, ohne Versmaß, Stichworte, Anhaltspunkte. Ein Parforce-Ritt. Und trotzdem will sie dem eher trockenen Text "so viel Sinnlichkeit wie möglich" abringen. Weil doch "das Thema ohnehin so grausam ist". Premiere am 30. März, 20 Uhr. Karten: 0651/7181818.