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Landeschefin der Barmer will eine Reform der Notfallfallversorgung

Gesundheit : Ärztlicher Bereitschaftsdienst oder Notaufnahme: Entscheidung per Hotline?

Gehe ich zum ärztliches Bereitschaftsdienst? Oder besser gleich in die Notaufnahme? Diese Entscheidung könnte Verletzten oder Erkrankten abgenommen werden: Sie sollen künftig erst eine Art Notruf wählen, bevor sie sich auf den Weg machen. Was das bringen soll:

Experten am anderen Ende der Leitung sollen durch einevorgeschaltete Notrufnummer die Patientenströme lenken, lautet ein Vorschlag. Einige Bundesländer setzen auf ein anderes Modell.

Mittlerweile herrscht fast wieder Normalbetrieb in der Notaufnahme des Trierer Brüdenkrankenhauses. Bis zu 125 Patienten täglich würden dort behandelt, sagt Thorsten Eich, Kaufmännischer Direktor der Klinik. Vor allem im Juli und August sei die Zahl der Patienten in der Notaufnahme wieder deutlich gestiegen. Als Grund nennt Eich, dass das Krankenhaus im Trierer Stadtteil wegen der Flutschäden geschlossen werden musste. „Dies stellt selbstverständlich eine höhere Belastung für das Personal dar, die aktuell aber zu bewältigen ist“, so Eich.

Wie auch in den anderen Kliniken in der Region, ist die Zahl der Patienten in den Notaufnahmen im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Grund: Corona. Wegen Lockdown, Schulschließungen und Ausgangssperren verletzten sich weniger Menschen. Wir erlebten 2020 einen starken Rückgang im Bereich der Notaufnahme, zum Beispiel bei den Arbeitsunfällen und bei den Sport- und Freizeitunfällen.

Auch Schulunfälle waren deutlich im Minus: fast 50 Prozent weniger im Vergleich zu den Zahlen aus 2019“, sagt Gunnar Kessler, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme im Wittlicher Krankenhaus. Zwar herrsche mittlerweile wieder mehr Betrieb, an vielen Tagen sogar wieder Normalbetrieb. Aber insgesamt liege die Auslastung noch um rund 20 Prozent unter der Zeit vor Corona. Um zu verhindern, dass die Notaufnahmen wieder „volllaufen“, dass Patienten dort womöglich stundenlang auf eine Behandlung warten müssen, schlägt die Landeschefin der Krankenkasse Barmer, Dunja Kleis, vor, die Notaufnahmen völlig neu zu organisieren. Die Patientenströme müssten besser gesteuert werden, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Bevor jemand von sich aus in die Notaufnahme gehe, müsse er unter einer bestimmten Telefonnummer anrufen.

Er soll in einer Integrierten Leitstelle landen. Für die Region Trier befindet sich diese bei der Berufsfeuerwehr in Trier. Dort werden alle Notrufe unter 112 entgegengenommen und die Rettungs­diensteinsätze für die gesamte Region koordiniert. Die ärztlichen Bereitschaftsdienste sind unter der Telefonnummer 116117 zu erreichen. Geht es nach Kleis, sollen beide Telefonnummern zusammengeführt werden. In der Leitstelle sollen dann geschulte Mitarbeiter entscheiden, wenn jemand unter 116117 anruft, ob es ein Fall für die Notaufnahme im Krankenhaus oder für den ärztlichen Bereitschaftsdienst ist. Das Nebeneinander beider Angebote verwirrt viele Patienten und ist auch schwer zu durchschauen. Wann ist man ein Fall für die Notaufnahme im Krankenhaus? Wann für den von den niedergelassenen Ärzten betriebenen Bereitschaftsdienst? Oft wählen Patienten die Notaufnahme, weil sie glauben, dort besser und schneller behandelt zu werden und nehmen dann mitunter stundenlange Wartezeiten in Kauf. Denn während draußen Patienten mit Rückenschmerzen oder verstauchten Knöcheln warten, geht es nicht selten in den Notaufnahmen um Leben und Tod. Dann nämlich, wenn per Krankenwagen oder Rettungshubschrauber schwer kranke Patienten eingeliefert werden, deren Behandlung Vorrang hat vor nicht lebensbedrohlich erkrankten Patienten.

Viele Patienten suchten den Weg in die Notaufnahme, obwohl der ärztliche Bereitschaftsdienst für sie besser sei, begründet Kleis ihre Forderung nach einer Reform der Notfallversorgung. Zum einen sollen mit der von ihr angestrebten besseren Patientensteuerung die Notaufnahmen entlastet werden und zum anderen die Patienten besser, zielgerichteter behandelt werden können. Es werde für die Patienten einfacher, weil sie nur noch eine Nummer anrufen müssten. Dort werde dann entschieden, wie dringend die Behandlung sei, wo sich die Patienten dafür hinwenden sollen und ob eventuell ein Rettungswagen notwendig sei. Dazu müssen sich die Leitstellen mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst vernetzen.

Die Reform der Notfallversorgung steht immer wieder einmal auf der Agenda der Gesundheitspolitik. Zumeist scheitert sie aber an der Frage der Finanzierung.

Denn nirgends zeigt sich besser, wie stark segmentiert das Gesundheitswesen noch immer ist. Der ärztliche Bereitschaftsdienst wird durch die Kassenärztliche Vereinigung sichergestellt.

Die Notaufnahmen werden von den Krankenhäusern organisiert. Das Rettungswesen und die Leitstellen liegen in der Verantwortlichkeit der Landkreise und kreisfreien Städte.

Mehrere Bundesländer haben ihre Rettungsdienste inzwischen digital optimiert. Sie nutzen Plattformen, die in Echtzeit anzeigen, welches Krankenhaus für den betreffenden Patienten am geeignetsten ist. Nicht immer sei automatisch die nächst erreichbare Klinik die optimale für den jeweiligen Patienten. Wenn auch der Transport dorthin länger dauere, könne er dort aber womöglich besser behandelt werden.