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Letzte Reise des Giganten

Straßenverkehr : Schieben, pressen, rutschen – immer wieder

Ein Besuch auf der größten Brückenbaustelle Europas, wo seit Mittwoch unfassbare Mengen Stahl in schwindelerregender Höhe bewegt werden.

Still liegt der Stahlgigant. Aus dem diesigen Tal dringt Glockenläuten zur größten Brückenbaustelle Europas empor, und selbst die lange ersehnten Regentropfen hört man aufs verdorrte Gras fallen. So erwartungsvoll ruhig ist es oben auf der Hunsrückseite unterhalb der riesigen Stahlstraße, die in wenigen Minuten ihre letzte Reise über die Mosel antreten soll. Draußen über dem Tal warten auf jedem der zehn schwindelerregend hohen Brückenpfeiler Bauarbeiter auf das Kommando, dass es losgeht. Ein letztes Mal sollen sie dafür sorgen, dass sich der Brückenüberbau vom Hunsrück Richtung Eifel bewegt. 230 Meter weit. Bis die Hochmoselbrücke ihre komplette Länge von 1,7 Kilometern erreicht.

Unvorstellbar jedoch, dass irgendetwas diese Massen in Bewegung setzen könnte. Schon gar nicht jene unscheinbaren Hydraulikkolben, die an insgesamt 13 Stationen für Schub sorgen sollen. Schließlich geht es um 32 000 Tonnen Stahl. So viel, wie 320 000 schwere Männer oder wie 26 000 VW Golf wiegen.

Nicht direkt auf ihren Pfeilern ruht die Brücke derzeit, sondern auf sogenannten Verschublagern, über die sie – angetrieben von Hydraulikpressen – auf speziell beschichteten Platten langsam hinweggleiten kann. „So, wir beziehen jetzt alle Plätze. In fünf Minuten geht es los“, tönt es aus einem Walkie-Talkie – und schon eilen Bauarbeiter herbei. Der Richtmeister bleibt in der Mitte unter dem gigantischen Stahlteil stehen und startet die Hydraulikpresse. Je zwei Arbeiter gehen zu den Lagern und legen dort jene nicht einmal laptopgroßen Platten ein, die alles möglich machen: Von unten sind sie mit Teflon beschichtet, damit sie gut gleiten, von oben mit Neopren, damit der Stahlgigant auf ihnen eine gute Haftung findet. „Eins bereit“, teilt Pfeiler eins durchs Walkie-Talkie mit, „zwei bereit, drei bereit ...“

Als alle 13 Schubstationen das Okay gegeben haben, startet der Countdown „3,2,1 los“ – und überall setzen sich gleichzeitig die Kolben in Bewegung, pressen die beschichteten Platten Richtung Eifel und ziehen dabei das aufliegende 1,7 Kilometer lange Stahlteil mit sich. Das klingt spektakulär. Sieht aber nicht so aus. Ist die Bewegung doch so langsam, dass man sehr lange und genau hinschauen muss, um sie überhaupt zu bemerken.

Der blaue Koloss gleitet über rote Verschublager, die auf die Pfeiler montiert sind. Der Stahl wirkt wellig. Das ändert sich, sobald er auf den Pfeilern ruht. Foto: Klaus Kimmling

Nach 30 Zentimetern ist Schluss, dann rutscht die Platte vorne raus, wird wieder eingelegt – und die Prozedur startet aufs Neue. Drei Wochen wird es dauern, bis die andere Seite des Tals erreicht ist. „Es ist ein großer Schritt, wenn wir da angekommen sind“, sagt Timo Heinz, stellvertretender Leiter der Fachgruppe Projektmanagement beim Landesbetrieb Mobilität Trier.

Wie lange es dauert, bis die ersten Autos in 160 Metern Höhe über das Moseltal fahren können, ist noch offen. Viele weitere Arbeiten warten noch: Der 83 Meter hohe rote Pylon, der mit seinen 880 dicken Stahlkabeln derzeit noch einen Großteil der Last trägt, muss abgebaut werden. Dann bekommt die Brücke zwei Meter hohe Lärm- und Windschutzwände sowie alles, was eine Straße braucht: einen Asphaltbelag, Verkehrsschilder, Markierungen ... Fest steht, dass der Hochmoselübergang frühestens 2019 fertig wird.

Blick in die Vergangenheit: So sah es noch im März 2016 im Moseltal aus. Mit Hilfe einer Kletterschalung wuchsen die Pfeiler empor. Foto: Klaus Kimmling/klaus kimmling

Geduld ist gefragt. Auch bei allen, die das Schubspektakel beobachten wollen. Sie sollten einige Stunden einplanen, wenn sie miterleben wollen, wie der Koloss seine Position merklich verändert. Ein Video gibt’s auf: volksfreund.de/videos