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Wirtschaft
Tourismus in Rheinland-Pfalz: Lieber Wein statt Bier und Brezeln

Der Wein spielt  beim Tourismus im Land eine wichtige Rolle.
Der Wein spielt beim Tourismus im Land eine wichtige Rolle. FOTO: dpa/dpaweb / A3542 Karl-Josef Hildenbrand, dpa (dpa/dpaweb)
Trier/Bitburg/Mainz. Rheinland-Pfalz will mit einer eigenständigen Identität mehr Besucher anlocken. Doch beim Tourismus ist eine fehlende Marke nicht die einzige Baustelle. Von Florian Schlecht
Florian Schlecht

Bayern, das ist Laptop und Lederhose. Gereon Haumann schwärmt förmlich, wenn ihm der Slogan von den Lippen geht. „Das ist griffig, das kennt jeder, das lockt Menschen an“, sagt der Landeschef des Hotel- und Gaststättenverbands. Und was fällt ihm zu Rheinland-Pfalz ein, früher als Land der Reben und Rüben belächelt? „Wir sind das Weinland Nummer eins. Doch das Image ist leider nicht bekannt genug.“ Eine prominente Marke wie in Bayern könne das ändern und mehr neugierige Touristen nach Rheinland-Pfalz locken, glaubt Haumann.

Daran bastelt das Land nun. Bis zum Jahr 2020 tüfteln Strategen an einem Konzept, mit welchem gemeinsamen Nenner es weltweit am besten für sich werben kann. Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) erhofft sich einen Slogan, der jedem Bürger in spätestens 1,5 Sekunden in den Sinn kommt, wenn er Rheinland-Pfalz nur hört. Auch Wissing verweist auf Bayern, das für Bier, Brezeln und Weißwurst bekannt sei. Alle Regionen, das deutet Wissing zugleich an, werden sich in der Marke nicht wiederfinden. Geht damit aber nicht die touristische Eigenständigkeit der einzelnen Gebiete verloren? Nein, glaubt Wissing. „Franken profitiert auch vom bayerischen Image, obwohl die Nürnberger Bratwürste nicht in der Marke auftauchen“, sagt der FDP-Politiker.

 In der Region sorgt die Marke bislang für wenig Furcht. Klaus Schäfer, Geschäftsführer von Eifel Tourismus, spricht sich sogar dafür aus. „Die Regionen in Rheinland-Pfalz dürfen sich nicht als Konkurrenten betrachten, sondern sollten das Selbstbewusstsein zur Zusammenarbeit haben, um mehr Touristen zu gewinnen. Wenn Trier das Karl-Marx-Jubiläum feiert, kommen auch Besucher zu uns. Wenn Touristen wegen des Moselweins nach Rheinland-Pfalz reisen, schenken wir den genauso in der Eifel aus“, sagt Schäfer. Haumann denkt genauso. Geht es nach ihm, soll der Wein touristisch künftig im Mittelpunkt des Landes stehen. „Bevor wir das Oktoberfest nach Rheinland-Pfalz holen, sollten wir lieber drüber nachdenken, Weinfeste über das gesamte Jahr zu verteilen.“ Dem Dehoga-Chef schwebt eine WWW-Kampagne vor. „Wald, Wasser, Wälder“, sagt er und lacht. „Aber Experten haben da bestimmt bessere Sprüche auf Lager als der Herr Haumann.“

Eine Marke alleine hilft Rheinland-Pfalz aber nicht, um mehr Besucher zu gewinnen. Das Land will in der Tourismusstrategie bis 2025 noch andere Baustellen beheben. Wie marode Familienbetriebe, die Gäste bewirten und beherbergen. Der Dehoga warnte bereits, dass bei 8000 Betrieben in den kommenden fünf Jahren die Übergabe anstehe und oft Nachfolger fehlten. Nach Haumann sieht der Landeshaushalt in den kommenden beiden Jahren für ein einzelbetriebliches Förderprogramm insgesamt 3,5 Millionen Euro vor. „Der Posten ist neu und freut mich. Wir wünschen uns aber noch einen deutlichen Schlag Sahne von Finanzministerin Doris Ahnen oben drauf“, sagt Haumann. Er fordert ein Fünf-Jahres-Programm, in dem jährlich zehn Millionen Euro vom Land in Betriebe fließen sollen. „Die 680 Millionen Euro Steuereinnahmen, die das Land jetzt jedes Jahr kalkuliert, könnten dann deutlich steigen, weil Betriebe wachsen und mehr Gäste anlocken“, vermutet Haumann. Digital müssten Gaststätten aufrüsten, um bei Google-Suchen weltweit Buchungen anbieten zu können. Arne Rössel von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Koblenz beklagt darüber hinaus einen Fachkräftemangel. 2500 Azubis arbeiteten derzeit im Gastgewerbe, vor zehn Jahren seien es noch doppelt so viele gewesen, sagt der einstige Trierer IHK-Mann. Er wolle den Erfolg der Strategie auch daran bemessen, ob die Zahl der Auszubildenden in den kommenden fünf bis acht Jahren auf bis zu 5000 steige. Volker Wissing hofft dabei auf Einwanderer aus dem Ausland, wie aus dem Partnerland Ruanda. „Die Arbeit“, sagt er zur Tourismusstrategie, „geht erst richtig los.“