Verkehr : Das soziale Sahnehäubchen

Verkehr : Das soziale Sahnehäubchen

Der luxemburgische Verkehrsminister glaubt nicht, dass durch kostenlosen ÖPNV mehr Leute auf Busse und Bahnen umsteigen werden.

Er wisse auch nicht, warum im Zusammenhang mit den Plänen, Busse und Bahnen in Luxemburg für die Fahrgäste kostenlos zu machen, immer davon gesprochen werde, dass dadurch mehr Menschen das Auto das stehen lassen würden.

Er glaube nicht, sagt der luxemburgische Verkehrsminister Francois Bausch, dass der Effekt so groß sei, „wie wir uns das erhoffen“. Für ihn sei das viel mehr eine soziale Komponente, damit sich mehr Luxemburger den öffentlichen Nahverkehr leisten könnte, so der Minister gestern bei einer Pressekonferenz, bei der er die Pläne für den Gratis-ÖPNV vorstellte.

Wer dabei genau zuhörte, der merkte, dass der Grünen-Politiker Bausch gar nicht so wirklich von dem Projekt überzeugt ist. Immer wieder verwies er darauf, dass einige Dinge noch nicht geklärt seien. So zum Beispiel wie es sich ab März 2020, wenn Busse und Bahnen (allerdings nur in der 2. Klasse)  in Luxemburg ohne Ticket benutzt werden können, mit grenzüberschreitenden Tarifen etwa von Trier nach Luxemburg verhalte.

Pendler müssten dann zwar nur noch eine Fahrkarte bis zur luxemburgischen Grenze lösen, was das aber etwa für Monats- oder Jahreskarten bedeute, wie sich die Preise bei dem bei Grenzgängern beliebten Luxemburg-Ticket gestalten, darüber müssten noch Gespräche mit den zuständigen Unternehmen, also dem Verkehrsverbund Region Trier (VRT) geführt werden. Unklar ist auch, ob künftig auch die 170 kommunalen Busse in der luxemburgischen Hauptstadt kostenlos genutzt werden können. Er wünsche sich das, aber der Staat habe darauf keinen Einfluss, sagte der Minister.

Bausch macht keinen Hehl draus, dass er es lieber gesehen hätte, dass erst das Angebot und die Qualität des Nahverkehrs in Luxemburg verbessert worden wäre, bevor Busse und Bahnen kostenlos werden. Damit nennenswert viele Menschen vom Auto auf den ÖPNV umsteigen, müsse es unter anderem bessere Verbindungen geben. Daran arbeitet das Nachbarland derzeit. Neben Milliarden-Investitionen in die Bahn und den Bau einer Tram-Verbindung von der luxemburgischen Innenstadt zum Flughafen soll es mehr und bessere Bus-Verbindungen geben.

Die Einführung des kostenlosen öffentlichen Transports sei nur ein Teil des Mobilitätskonzepts des Landes, sei aber eher eine gesellschaftliche Maßnahme, „das soziale Sahnehäubchen auf dem Kuchen“ der Verkehrsoffensive des Landes.

Die Zurückhaltung des Grünen-Ministers liegt wohl darin begründet, dass der Gratis-ÖPNV eher ein Projekt von Premierminister Xavier Bettel ist.

Dem Vernehmen nach hat der Liberale bei den erneuten Koalitionsverhandlungen mit Grünen und Sozialisten darauf bestanden und das vor allem aus PR-Gründen. Denn kaum waren die Pläne bekanntgeworden, wurde weltweit darüber berichtet. Luxemburg sei das erste Land, in dem der Nahverkehr komplett kostenlos sei. Außer Acht gelassen wurde dabei, dass seit Sommer vergangenen Jahres auch Estland Busse und Bahnen kostenlos gemacht hat. Er sei überrascht gewesen von der weltweiten Resonanz auf die Ankündigung Luxemburgs, sagt Bausch, der bei der Pressekonferenz keine Gelegenheit auslässt, die Erwartungen an das Projekt zu dämpfen.

Der Verkehrswissenschaftler und Autor des Buches ÖPNV – Marktchancen und Konzepte für den ländlichen Raum (Blattfuchs Verlag), Karl-Georg Schroll aus Wiltingen (Trier-Saarburg) geht allerdings davon aus, dass durch den kostenlosen Nahverkehr in Luxemburg mehr Menschen das Auto stehen lassen werden.

Er sieht darin eine Chance, Busse und Bahnen attraktiver zu machen. „Auch in der Region Trier wäre kostenloser ÖPNV möglich“, ist der Experte überzeugt. Voraussetzung hier sei allerdings, dass das Angebot deutlich erhöht werde. Auch kleine Dörfer müssten an den Nahverkehr angebunden werden. Außerdem, so Schroll, müsste Bus- und Bahnfahren in der Region billiger werden. „Die Leute müssen einen Anreiz haben, das Auto stehen zu lassen.“

Nicht nur diesseits der Grenze beobachtet man die Pläne in Luxemburg mit Aufmerksamkeit. Auch im Land selbst. So etwa bei der Bahngesellschaft CFL. Auch dort weiß man offensichtlich noch nicht so genau, wie sich der kostenlose Nahverkehr auswirken wird.

Man analysiere derzeit noch die Details, teilte eine Sprecherin auf Anfrage unserer Zeitung mit. Abwartend gibt man sich auch beim Luxemburger Busunternehmen Emile Weber, das einen Linienverkehr zwischen Luxemburg und Trier unterhält und damit vor allem Pendler transportiert. Kürzlich hieß es von dort, man habe noch keine genauen Informationen, was die Pläne konkret für die grenzüberschreitenden Linien bedeuten.

Video-Interviews mit dem Verkehrsexperten Karl-Georg Schroll und dem Luxemburger Verkehrsminister Francois Bausch finden Sie unter www.volksfreund.de/videos