Die sechs Unis der Großregion bauen ein Kompetenz- und Wissenzentrum auf.

Forschung : Grenzgänger als Forschungsobjekte

Was tun, um die Grenzen faktisch und in den Köpfen der Menschen abzubauen? In der Großregion setzt sich ein Forschungsprojekt aller sechs Universitäten mit dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven heraus auseinander. Auch die Trierer Uni ist mit dabei.

Warum kaufen Luxemburger in Frankreich Käse? Warum kommen Franzosen zum Weihnachtsmarkt nach Trier? Warum tanken Deutsche Benzin in Luxemburg? Auch wenn es die jeweiligen Produkte auch im Heimatland gibt, haben bestimmte Waren und Dienstleistungen eine gewisse „Poolfunktion“ für die Bewohner des Nachbarlands – und ziehen neue Aktivitäten nach sich. Das haben Wissenschaftler festgestellt, die im Rahmen des EU-Forschungsprojekts „Europäisches Kompetenz- und Wissenszentrums für Grenzraumforschung“ die Großregion erforschen und dafür mit 2,2 Millionen Euro gefördert werden. Denn das Gebiet von Luxemburg, der Wallonie, Rheinland-Pfalz, Saarland und Lothringen gilt als „Hotspot für Grenzgänger in Europa“, formulieren es Isabelle Pigeron-Pieth und Christian Wille von der Universität Luxemburg. Und man könne von den Grenzgängern lernen. Diese seien „als Agenten von grenzüberschreitenden Lebenswelten unterwegs – sowohl im beruflichen wie im Freizeitbereich – und verfügten über Erfahrungswissen, wie mit Grenzeffekten produktiv umgegangen werden kann“, so die Wissenschaftler.

Heißt: Grenzgänger werden zunehmend zum Forschungsobjekt, wovon Politik, Wirtschaft und Gesellschaft profitieren sollen. 80 Wissenschaftler der Universitäten in Trier, Luxemburg, Kaiserslautern, Nancy, Lüttich und Saarbrücken beschäftigen sich über drei Jahre bis 2020 mit Themen wie Mensch-Umwelt, Raumplanung, Arbeitsmarkt, Wirtschaftsgeografie, Industrialisierung und Handel, um daraus Tipps und Anregungen ableiten zu können. „Das Thema Grenze ist hier täglich relevant, auch wenn es nationale Konflikte gibt“, sagt Rebekka Kanesu vom Lehrstuhl Governance und nachhaltige räumliche Entwicklung (Professor Antje Bruns) des Fachbereichs Raum- und Umweltwissenschaften an der Universität Trier. Häufig fehle einfach eine gemeinsame grenzüberschreitende Strategie.

Beispiel Handel: Während in ganz Frankreich eine Gewerbedichte von 920 Quadratmeter pro Einwohner existiere, liege die entlang der Grenzen zur Großregion bei 1280 Quadratmeter. Der Druck auf die Händler wächst, von dem die Verbraucher jedoch profitieren. „Gleichzeitig fällt auf, dass laut jüngsten Studien in Deutschland 88 Prozent und in Luxemburg mehr als 80 Prozent im Heimatland einkaufen und nur wenige Prozent im Ausland. Sind die Käufer jedoch Grenzgänger, steigt dieser Anteil auf 15 Prozent“, sagt die Wissenschaftlerin.Ein Potenzial, das viele Händler noch nicht erkannt hätten.

Als positives Gegenbeispiel nennt Kanesu die Drogeriekette dm, die gezielt in Schengen im Dreiländereck von Deutschland, Luxemburg und Frankreich einen Markt aufgebaut habe, der mit seiner Zweisprachigkeit wirbt und Produkte nach Vorlieben der Nationalitäten teste. „Die Grenzregion ist ein Experimentierraum für viele. das untersucht die Wissenschaft zunehmend, und davon sollen die Menschen profitieren“, sagt sie. Dazu gehört auch, dass die Wissenschaftler den sogenannten „Parcours de Vie“ (Lebensparcours) untersuchen, also all die Dinge, die jeder von uns täglich tut und warum er das tut. Daraus leiten die Forscher dann Leitlinien fürs Wohnen, Arbeiten und Leben ab.

Derzeit behindern ein Mehr an Verflechtung vor allem „soziale Praktiken, unterschiedliche Planungskulturen, verschiedene Kompetenzen und Befugnisse in der Politik und verschiedene Vorstellungen von der Umsetzung der Zusammenarbeit“ eine großregionale Einheit, sagt Kanesu. Allerdings ist sie überzeugt, dass die Kooperationen noch verstärkt werden, dass der Grenzübertritt immer alltäglicher wird: „Hier soll und kann das neue Kompetenz- und Wissenszentrum helfen.“

http://borderstudies.org

Herzlich willkommen: Wer seine Luxemburger Gäste so begrüßt, wird sie sicher auch ein zweites Mal in seinem Laden begrüßen können. Foto: Sabine Schwadorf

http://cbs.uni-gr.eu

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