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"Ein apokalyptisches Inferno"

"Ein apokalyptisches Inferno"

Ein Versehen eines Mitarbeiters einer Transportfirma führt zur größten Katastrophe in Luxemburg seit Ende des zweiten Weltkriegs. Am Ende sind drei Menschen tot und 25 verletzt.

Luxemburg. Am 30. Mai 1976 gegen 21.20 Uhr melden sich besorgte Einwohner aus dem Stadtteil Pfaffenthal beim hauptstädtischen Gasamt. Es würde nach Gas riechen, so die Anrufer. Das Gaswerk schickt sofort einen Mitarbeiter in den Stadtteil. Dieser schließt bei der Kontrolle einen Gasaustritt aus. Dann geschieht das Unfassbare. Eine Explosion erschüttert das Viertel gegen 21.40 Uhr. Ein Haus steht in Flammen. Die Feuerwehr gibt Großalarm und rückt mit mehreren Löschzügen aus. Doch gerade als die Rettungskräfte am Einsatzort ankommen, ereignen sich weitere Explosionen entlang der Abwasserkanäle mehrerer Straßenzüge.
Kanaldeckel fliegen in die Luft


Decken von mehreren Häusern stürzen ein, Einwohner fliehen panikartig und schreiend auf die Straßen. Zeugen berichten nach Angaben des Luxemburger Tageblatt von apokalyptischen Szenen. Durch die Wucht der Explosionen werden Kanaldeckel aus ihren Schächten ausgehoben. Ein Feuerwehrmann, der auf einem der Deckel stand, wird mehrere Meter durch die Luft geschleudert und dabei schwer verletzt.
Hunderte Menschen müssen in der Nacht aus der Gefahrenzone evakuiert werden. Noch immer rätseln die Einsatzkräfte über die Ursache der Katastrophe.
Erst nach Mitternacht beginnen die Räumungsarbeiten. Aus den Trümmern der beiden ersten, völlig zerstörten Häuser werden drei Tote geborgen, darunter eine Mutter mit ihrem Kleinkind. Besonders tragisch: Die Frau hatte nach späteren Ermittlungsergebnissen noch versucht, mit ihrem Kind den Hausausgang zu erreichen.
Die Katastrophe in der Luxemburger Hauptstadt hinterließ ein Bild der Verwüstung. Bilanz: drei Tote, 25 Verletzte, 150 Obdachlose sowie 20 zerstörte Häuser. Der Sachschaden ging in die Millionen. Die Ermittlungen kamen zum Ergebnis: Ein Fahrer einer Transportfirma hatte versehentlich 10 000 Liter Benzin in einem zentralen Abwasserkanal entsorgt. Die gasentwickelnden Chemikalien verteilten sich in den Kanälen im Pfaffenthal. Anschließend löste ein Funken eines im Keller stehenden Kühlaggregates die erste Explosion aus. tgbl
Extra

Das Luxemburger Viertel Pfaffenthal liegt im Tal der Alzette zwischen der Altstadt und dem Kirchberg. Rund ums Pfaffenthal stehen Teile der Festung Luxemburg. Durchs Tal führt auch der touristische Wenzelsweg. Das Pfaffenthal wird überspannt von der Großherzogin-Charlotte-Brücke, Roud Bréck (Rote Brücke) genannt. Auch die Nordstrecke der Eisenbahn führt über ein Viadukt durchs Viertel. Darunter liegt die Jugendherberge der Hauptstadt. Nach der Explosion gab es eine Neuentwicklung des Stadtteils, das "Béinchen"-Projekt, das Anfang 1985 abgeschlossen wurde. sas