Ein Rettungsschirm fürs Handwerk in der Großregion

Kooperation : Ein Rettungsschirm fürs Handwerk in der Großregion

Viele kleine Betriebe mit jeweils wenig Mitarbeitern: Das Handwerk in der Großregion sieht sich von der Politik vernachlässigt. Jetzt muss es auf sich aufmerksam machen, kurz vor der Europawahl.

Wenn Kai Leonhardt an sein Handwerk denkt, dann wird dem Fleischer angst und bange. „In den vergangenen 20 Jahren hat sich in Deutschland die Zahl der Fleischereibetriebe auf jetzt noch 12 000 halbiert“, klagt der 1. Vorsitzende des Forums Junges Handwerk in der Region Trier. Leonhardt befürchtet in seinem, aber auch in anderen Gewerken ein regelrechtes „Handwerkssterben“. Der Grund: zu wenig Unterstützung durch die Politik, zu große bürokratische Hürden und zu viel Beachtung für große Konzerne.

Der Chef der Trierer Fleischerei Martin sieht deshalb in der Kooperation mit seinen Handwerkskollegen auch jenseits der Grenze eine wichtige Aufgabe. „In Europa stehen wir hier in der Großregion in der Pole Position. Wenn wir in Brüssel nichts gemeinsam ausrichten können, wird es eng“, ist der Handwerker überzeugt.

So wie Kai Leonhardt denken viele der 170 000 Handwerksunternehmer (siehe Info) in der Großregion. Vor bereits 30 Jahren haben sie sich im Interregionalen Rat der Handwerkskammern (IRH) mit Sitz in Luxemburg zusammengetan, um an den politisch entscheidenden Stellen etwas für ihre Gewerke ausrichten zu können. „Oft ist das eine Politik der kleinen Schritte – wenig spektakulär, aber effektiv“, sagt Rudi Müller, Präsident in Personalunion bei der Handwerkskammer Trier und im IRH seit nunmehr zehn Jahren. „Grenzüberschreitend sind die Herausforderungen nun mal besser zu bewältigen.“

Und so zeigt die IRH-Konferenz zum Thema „Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), Handwerk & Europa“, warum dem Handwerk das Thema Europa so auf den Nägeln brennt. „99,8 Prozent aller europäischen Unternehmen sind kleine und mittelständische Unternehmen“, macht Maarit Nyman von der Europäischen Kommission, Generaldirektion Grow für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU, deutlich. Folglich wolle die Europäische Union schon aus eigenem Interesse heraus die kleinsten Unternehmen unterstützen.

Allerdings geht den meisten der Handwerkskammern die Unterstützung aus Brüssel nicht weit genug. Vor allem die Bürokratie halte vielen Handwerksbetrieben den Hals zu, stellt Véronique Willems von SMEunited, einer Lobbyvereinigung kleiner und mittelständischer Unternehmen klar.

Beispiel EU-Entsenderichtlinie: Die Entsendung von Mitarbeitern ins Nachbarland soll die Beschäftigten vor Lohn- und Sozialdumping schützen. Laut Rudi Müller habe sich jedoch ein ­„Bürokratiedschungel“ aufgetan, der vor allem mit vielen Formularen und Zeitaufwand einhergehe. Energie, die viele kleine Handwerksbetriebe nicht aufbringen können. „Hier hat sich der IRH für praktikable Lösungen eingesetzt. Nun gibt es Erleichterungen durch ein einfaches Online-Verfahren“, sagt der gelernte Schreinermeister Müller. Schließlich erziele das Handwerk der Region Trier gut ein Drittel seines Umsatzes im Ausland, und auch der Austausch nach Deutschland nehme ständig zu. So setzt er auch beim digitalen Wandel und dem Nachwuchsmangel auf Netzwerke vor Ort. „Wir kommen Schritt für Schritt voran, aber wichtig ist die Vernetzung in die Politik“, sagt Müller mit Blick auf drei Jahrzehnte Kooperation.

Deshalb unterlassen es die Vertreter des IRH nicht, der europäischen Politik einen Wunschzettel in Form eines Zehn-Punkte-Programms zur Europawahl in einer Woche mitzugeben. Ob es um die verpflichtende Berücksichtigung der KMU bei der EU-Gesetzgebung geht, um die Vollendung des Binnenmarktes oder die Förderung der Kleinstbetriebe durch alternative Finanzierungsformen, die Politik müsse handwerkerfreundlicher werden, so die Forderung. Und: Eine Alternative zu mehr Zusammenarbeit gerade im Grenzraum gebe es nicht.

Kai Leonhardt formuliert dies aus seiner Erfahrung heraus: „Wir sind alle Familienbetriebe, und wir beschäftigen in Deutschland mehr Mitarbeiter als alle Dax-Unternehmen.“ Wenn es um die Wirtschaftsleistung von Mitarbeitern, um Flexibilität und Familienfreundlichkeit gehe, sei das Handwerk Vorreiter. „Aber wir haben weder einen Ingenieur, der die Ausschreibung für ein neues Iso-Zertifikat erstellt, noch Mitarbeiter, die die EU-Fördermöglichkeiten ausloten können“, stellt der Chef des Forums Junges Handwerk Trier klar. „Wir stehen als Unternehmer selbst im Betrieb und konnten bislang im Gegensatz zu Großunternehmen keinen Rettungsschirm von der Politik erwarten.“