Elegante Brücke unter der Brücke

Elegante Brücke unter der Brücke

Radfahrer freuen sich. Ab Mitte September können sie über den Pont Adolphe von der Oberstadt ins Bahnhofsviertel gelangen - ohne auf den übrigen Verkehr aufpassen zu müssen.

Luxemburg Noch ist Geld da - jedenfalls in Luxemburg. Weil bei der aufwendigen Neugestaltung der sogenannten Neuen Brücke (Pont Adolphe) in der Hauptstadt das veranschlagte Budget nicht ausgeschöpft wurde, können sich nun die Fahrradfahrer freuen. Denn mit dem überschüssigen Geld ist kurzerhand ein Fahrradweg gebaut worden, den auch Fußgänger benutzen dürfen - als elegante Brücke unter der neuen Brücke.
Das Unterfangen selbst gestaltete sich durchaus schwierig - allerdings nicht wie anderswo aus Kostengründen, sondern weil das historische Bauwerk Pont Adolphe denkmalgeschützt ist. Die Charta von Venedig verbietet es nämlich, moderne Elemente in die bestehende Bausubstanz zu integrieren. Das Dokument von 1964 gilt als Richtlinie in der Denkmalpflege. Es legt zentrale Werte und Vorgehensweisen bei der Konservierung und Restaurierung von Denkmälern fest.
Der Bau einer Fahrradbrücke neben dem Pont Adolphe wurde folglich rasch ausgeschlossen. Eine moderne Konstruktion neben einem geschützten Bauwerk darf nicht zu sichtbar sein, so die Regel. Außerdem muss sie im Bedarfsfall wieder abmontiert werden können, ohne dass das historische Bauwerk in Mitleidenschaft gezogen wird, erklärt Luxemburgs Infrastrukturminister François Bausch.
Ein Radweg neben den geplanten Fahrbahnen war auch wegen technischer Probleme und Platzmangels nicht möglich. Es wurde aber eine Lösung gefunden. Die neue Fahrradbrücke schmiegt sich nun elegant an die Unterseite der "Nei Bréck" an. Bei der Konstruktion handelt es sich um ein freischwebendes Gerüst aus Leichtmetall. Es ist vier Meter breit und 3,80 Meter hoch und wurde mit Streben an der Fahrbahndecke der Brücke befestigt.
Der Fahrradsteg ist 154 Meter lang. Man gelangt jedoch nur jeweils auf einer Straßenseite mit dem Fahrrad auf die Brücke. Der Eingang auf der anderen Straßenseite ist den Fußgängern vorbehalten.
Bei den Arbeiten wurden Reste der ehemaligen Festung (Bastion Jost, Fort Bourbon) gefunden. Sie werden in die Konstruktion integriert. Lichtschächte versorgen die Eingangsbereiche auf beiden Seiten der Radbrücke mit natürlichem Licht. Auf der ganzen Länge des Steges werden LED-Leuchten den Radweg erhellen. Kameras sollen zudem dafür sorgen, dass man auch nachts sicher von der Oberstadt aufs Plateau Bourbon kommt, so François Bausch. Spezielle Geländer sollen verhindern, dass jemand von der Brücke fällt. Hängen tut die neue "passerelle" bereits seit einem Jahr, wie der Bauleiter erläutert. Im Juli 2016 seien nachts die Schwertransporter angerückt, um die Metallstruktur zu liefern. Letztere wurde direkt installiert. Im Augenblick sei man noch dabei, die Feinarbeiten abzuschließen. Man liege gut im Zeitplan.
Die Aussicht von der neuen Fahrradbrücke unter dem Pont Adolphe ist beeindruckend. Auf beiden Seiten hat man einen guten Blick auf das Pétrusse-Tal. Und auch das Wahrzeichen Gëlle Fra und die Kathedrale bieten sich als Fotomotive an.
Der Fahrradweg erlaube es nicht nur, schneller das Tal zu überqueren. Er sei auch eine zusätzliche Touristen-Attraktion in der Stadt, sagt eine zufriedene hauptstädtische Schöffin (Abgeordnete) Sam Tanson ("déi gréng"/Grüne).

Der Autor ist Redakteur beim
Luxemburger Tageblatt.
Extra: INFOS ZUM PONT ADOLPHE SAMT FAHRRADBRÜCKE

Der neue Radweg führt etwa 40 Meter über der Talsohle zwischen den 24 Bögen der Adolphe-Brücke hindurch. Foto: (g_luxemb


Die Kosten für den Fußgänger-und Radweg belaufen sich auf 6,2 Millionen Euro. Der Radweg verursacht laut Minister Bausch aber keine Mehrkosten. Das Budget (63 Millionen Euro), das für die Sanierung der Brücke eingeplant war, wurde nämlich nicht vollständig ausgeschöpft, weil Rohstoffe billiger waren als erwartet. Der Pont Adolphe blickt auf eine lange Geschichte zurück. Am 14. Juli 1900 war Grundsteinlegung, am 24. Juli 1903 wurde die Brücke in Betrieb genommen. Anfangs fuhr die Schmalspurbahn Charly, die die Hauptstadt mit Echternach verband, über den Pont Adolphe. 1930 wurde die Brücke für die elektrische Trambahn umgebaut. Als der Auto- und Busverkehr einsetzte, verschwand Anfang der 1960er Jahre die Tram aus dem Stadtbild Luxemburgs. Seitdem ächzte die alternde Brücke jedoch unter einer steigenden Belastung durch den Autoverkehr. 2014 startete daher die Sanierung. Der Pont Adolphe soll jetzt Platz bieten für Autos, Busse, die Tram, Fußgänger - und im Untergeschoss für Radfahrer. Wegen der Tram wurde die Fahrbahn verbreitert: von 18,72 auf 20,20 Meter.

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