Experten diskutieren, wie man Pendlerstaus verhindern kann.

Verkehr : Pendlerstaus verhindern - Der Kampf gegen die tägliche Blechlawine

ÖPNV, Heimarbeit, Mitfahrerparkplätze, flexible Arbeitszeiten – Experten diskutieren, wie man Pendlerstaus verhindern kann.

Jeden Morgen rollt die Blechlawine in Richtung Luxemburg, häufig mit Ziel Kirchberg. Und nachmittags stehen dieselben Autofahrer in der Gegenrichtung nach Trier, nach Frankreich, Belgien oder ins Saarland. Der überbordende Verkehr der 200 000 Pendler ist eines der größten Probleme im Ländchen. Alleine 40 000 Pendler kommen aus der Region Trier oder dem Saarland – und die meisten fahren trotz Bussen oder Bahnen immer noch mit dem Auto. Luxemburg droht auf kurz oder lang ein Verkehrsinfarkt.

Müssen mehr oder breitere Autobahnen her, wie steht es um die Bahnanbindung – oder gibt es ganz andere Alternativen, damit die Pendler erst gar nicht pendeln müssen? Mit diesen Fragen befasste sich die 18. Deutsch-Luxemburgische Wirtschaftskonferenz, die von der luxemburgischen Handelskammer und der Deutschen Botschaft in Luxemburg organisiert wurde.

Unter der Überschrift „Mobilität neu denken“ diskutierten Sabine Bätzing-Lichtenthäler (rheinland-pfälzische Arbeits- und Sozialministerin), Anke Rehlinger (saarländische Wirtschafts- und Verkehrsministerin), Heinrich Kreft, deutscher Botschafter in Luxemburg, François Bausch (luxemburgischer Mobilitätsminister), Jan Glockauer (Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier) sowie Jan van Delgen (Deloitte Luxemburg).

In seiner Begrüßung analysierte Luc Frieden, früherer luxemburgischer Minister und heute Chef der luxemburgischen Handelskammer, die Pendlerströme: Vor 50 Jahren gab es 11 000 Grenzpendler, heute sind es 200 000, „und die meisten fahren mit dem Auto. Die Zugverbindungen nach Deutschland sind nicht so toll, und stundenlang im Stau zu stehen ist auf lange Sicht keine Lösung“, meinte Frieden.

„Ich hoffe, Sie haben bei der Anreise nicht im Stau gestanden“, brachte es der deutsche Botschafter Heinrich Kreft pointiert auf den Punkt. Und er bezog eine große Gruppe noch in das Thema ein: die rund 5500 Handwerksbetriebe allein aus der Region Trier, die täglich Aufträge in Luxemburg haben.

Die rheinland-pfälzische Ministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler und Triers IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Glockauer bei der Diskussion. Foto: TV/Björn Pazen

Dass Luxemburg ab 2020 den Öffentlichen Personennahverkehr als erstes Land der Welt kostenlos anbiete, sei nur ein Teil der Lösung, sagte Kreft („Denn das Problem ist die Fahrzeit von Köln oder Koblenz bis zur Grenze“), der wie Frieden eher andere Anreize schaffen möchte, wie Heimarbeit oder flexiblere Arbeitszeiten, damit nicht alle Arbeitnehmer gleichzeitig im Stau stehen.

Beim Unternehmensberater Deloitte werden beide Modelle schon genutzt, sagte Jan van Delgen: Für die aus Frankreich kommenden Mitarbeiter sei ein Bürogebäude bei Esch/Alzette angemietet worden, damit die Mitarbeiter nicht nach Luxemburg-Stadt fahren müssten, zudem könne jeder seine Arbeitszeit flexibel zwischen 6 und 22 Uhr legen, wenn die Kundenbetreuung gewährleistet sei. „Das Thema Mobilität ist der wichtigste Faktor für den Wirtschaftsstandort Großregion, gerade der Klimawandel wird eine Revolution für die Mobilität bedeuten“, sagte der luxemburgische Minister Bausch, der wie seine saarländische Kollegin Rehlinger gegen weitere Autobahnspuren ist: „Das macht den Stau nur breiter.“

City-Bikes als Verkehrsmittel für den letzten Kilometer von der Bahn, der Tram oder dem Bus zur Arbeit können helfen, das Verkehrsproblem zu lösen. Foto: TV/Björn Pazen

Besser seien Konzepte von Auto, Bahn, Bus und Fahrrad in Kombination, zum Beispiel durch die neuen PR-Parkplätze wie an der Grenze in Mesenich oder in Wasserbillig. Eine Lösung könne auch die neue Bahn-Westtrasse von Wittlich über Trier nach Luxemburg sein, die 2020 fertiggestellt werden soll. Wie schon bei anderen Projekten wie der zweigleisig ausgebauten Bahntrasse von Igel bis Wasserbillig beteiligt sich Luxemburg an den Kosten auf deutscher Seite.

Die umgekehrte Variante lehnte Rehlinger aus einem für sie triftigen Grund ab: „Uns wandern in vielen Branchen, gerade in der Pflege, die Fachkräfte ab, soll ich denen noch eine Autobahn bauen, damit sie schneller zur Arbeit nach Luxemburg kommen? Sicherlich nicht.“

Grundsätzlich stimmte ihr der IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Glockauer zu, aber für ihn ist eines der Kernproblem die „lückenhafte Infrastruktur“ auf deutscher Seite, wie die einspurige Biewerbachtalbrücke auf der A64, die fehlende Westumfahrung und die nicht vorhandene Anbindung von Trier an den Fernverkehr der deutschen Bahn: „Das ist katastrophal, genau wie die Aussage der Bahn, dass man ab 2029 noch mal darüber nachdenken könne.“

Eine Alternative wäre die Heimarbeit, dafür aber benötige man „eben an jeder Milchkanne“ schnelles Internet, um die ländlichen Regionen zu stärken, wie die beiden Ministerinnen betonten. Speziell, was Mietpreise auf dem Land im Vergleich zur Stadt und Work-Life-Balance betrifft, wäre das Thema Heimarbeit ideal für viele Pendler. Aber: Aufgrund des Doppel-Besteuerungsabkommens dürfen in Luxemburg angestellte Deutsche nur 19 Tage pro Jahr in Deutschland arbeiten, wenn sie keine zweite Steuererklärung abgeben wollen. Somit stelle sich die Frage, ob das Homeoffice zur Arbeit oder zum anderen Land zähle. Eine Alternative seien sogenannte Co-Working-Spaces, also von vielen Menschen unterschiedlicher Betriebe genutzte Büros direkt an der Grenze.

Weitere Lösungsansätze waren das autonome Fahren, das derzeit im Grenzbereich Saarland-Metz-Luxemburg getestet wird, für das aber grenzüberschreitend der neue Mobilfunkstandard 5G wegen der Datenmengen nötig sei. Deutlich praktischer und realitätsnaher ist aber die Initiative einiger Unternehmen, die ihren Mitarbeitern dann kostenlose oder vergünstigte Parkplätze zur Verfügung stellen, wenn sie mindestens zwei weitere Kollegen zur Arbeit mitnehmen (Carpooling oder andere Mitfahrplattformen).

Minister Bausch erinnerte bei allen aktuellen Diskussionen daran, dass das Sekretariat der Großregion 2003 einen gemeinsamen Nahverkehrsverbund der Großregion bis spätestens 2020 angekündigt hatte – mit einheitlichen Tarifen. Und er verwies auf die deutlich höheren Investitionen der luxemburgischen Staatsbahn CFL im Vergleich zur deutschen DB: „Bei uns werden 500 bis 600 Euro pro Jahr und Einwohner in die Bahn investiert, in Deutschland sind es 45 Euro.“

Ab 2023, wenn die vielen großen und kleinen Bahn-Baustellen auf Luxemburger Seite fertig sein werden, versprach der luxemburgische Minister „freie Fahrt in pünktlichen Zügen“.

Und was kommt nun konkret? „Ich glaube nicht, dass in naher Zukunft viele Pendler auf das Auto verzichten werden, selbst ein ambitionierter Ausbau des ÖPNV in der Region wird das nicht spürbar reduzieren“, ist sich Glockauer sicher. Er sagt aber auch: „Die Großregion gewinnt nur gemeinsam, wir Trierer freuen uns über die vielen Kunden aus Luxemburg.“ Die Politik ist sich des Problems bewusst, aber die Mühlen zwischen Luxemburg, Mainz, Saarbrücken und Trier mahlen eben auch nicht schneller als jene zwischen Berlin und zum Beispiel Brüssel.

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