Falsche Etiketten, Zollbetrug: Handel klagt gegen Online-Riesen.

Handel : Mit eigener Stärke gegen Online-Riesen

Einer von sechs Luxemburgern kauft regelmäßig online ein – und trifft dabei immer häufiger auf Wettbewerbsverzerrung und  Täuschungen. Der Handelsverband CLC setzt mit Lëtzshop auf eine eigene Plattform, um Verbrauchern mehr regionale Dienste anzubieten.

Dass wir mit unserer Stimme über Sprechassistenten Waren bestellen und eine Lieferdrohne das Paket dann wenig später vor der Haustüre abliefert, ist schon längst keine Zukunftsmusik mehr, sondern beschreibt die neuen Handelstrends, wie Nicolas Henckes, Direktor des Luxemburger Handelsverbands CLC beschreibt. „Aber es gibt für jeden Händler Möglichkeiten, da ist viel Bewegung im Markt“, sagt er bei der 7. Konferenz über Aspekte des europäischen Verbraucherrechts in Luxemburg. Dies ist auch bitter nötig, ist die Zahl der Luxemburger Konkurse im Handel im vergangenen Jahr um immerhin 29 Prozent gestiegen, auch, weil immer mehr Kunden online einkaufen.

15 Prozent der Luxemburger shoppen bislang online (Deutschland 10,8 Prozent), aber nur 20 Prozent der Händler haben überhaupt einen Web-Shop. Deshalb möchte die Plattform Lëtzshop den mittelständischen Händlern auf die Sprünge helfen. Wirtschaftsministerium, Handelskammer, CLC, Luxemburg-Stadt und 15 weitere Kommunen haben sich daran beteiligt, 215 Luxemburger Betriebe haben sich seit vergangenem September registriert. „Für Luxemburg gibt es keine Möglichkeit, mit Online-Handels-Konkurrenten wie Amazon oder Alibaba mitzuhalten, aber sie können ihre Dienste auf intelligente Weise nutzen“, heißt es vonseiten der CLC. Denn die Marktmacht der Riesen ist gigantisch: Amazon macht jährlich einen Umsatz von 65 Milliarden Euro, Alibaba hat 656 Millionen aktive Käufer und mehr als zehn Millionen Händler (siehe Info). An Tagen mit Sonderaktionen wie Black Friday oder Single Day werden allein in China 27 Milliarden Euro Umsatz gemacht. „In China gibt es eine andere Sichtweise des Online-Handels. Hier wird er als Chance gesehen, dass kleine Händler von der riesigen Verbreitung profitieren und Verbraucher überhaupt Zugang zu Waren und Qualität haben“, sagt Annalisa Barbagallo von der Alibabagroup Europa in Brüssel.

In Europa dagegen sieht man die Folgen des wachsenden Online-Handels immer kritischer. „In Österreich haben bereits 93 Prozent der Bevölkerung bei Amazon gekauft. Das heißt, die Daten fast aller Einwohner eines Landes liegen bei einem Unternehmen“, sagt Rainer Will vom Handelsverband Österreich. Europa sei aufgerufen, eine „faire Reglementierung“ solcher Monopolstellungen zu schaffen und einen fairen Wettbewerb unter allen Anbietern zu gewähren. „Es gibt viele Chancen, aber es ist vieles nicht umgesetzt“, richtet Will seine Forderung nach einem „Neuen Digitalen Pakt“ in Richtung Politik.

Verbraucher und Politik gehen immer mehr gemeinsame Wege: So hat die Luxemburger Verbrauchervereinigung ULC mit Unterstützung des Luxemburger Verbraucherschutzministeriums im Januar eine Klage gegen europäische Online-Plattformen des chinesischen Riesen Alibaba in Brüssel eingereicht. Der Vorwurf: Verstoß gegen das europäische Verbraucherrecht bei Warenrückgabe. Und auch der Handelsverband Österreich klagt über Wettbewerbsverzerrung. Bei Testbestellungen bei Alibaba etwa waren alle Produkte falsch etikettiert, um Umsatzsteuer und Zoll zu umgehen.

So wie der Handel zum Wandel gezwungen ist, so ändert auch der Kunde stetig sein Einkaufsverhalten. Gefällt die Ware nicht, ist sie beschädigt, zu spät geliefert oder gar in verschiedenen Ausführungen bestellt, so geht das Paket zurück. „Die Zahl der weltweiten Retouren im Jahr ist so groß, dass alle Pakete zweieinhalb Mal die Erde umrunden könnten“, sagt Karin Basenach, Direktorin des Europäischen Verbraucherzentrums in Luxemburg. Hinzukommen Wünsche nach längeren Öffnungszeiten beim stationären Handel. „Wir stellen aber auch einen Weg zurück vom Internet in den Laden fest, sobald sich der Verbraucher orientiert hat“, sagt CLC-Direktor Henckes. Und hier möchte er ansetzen, die Luxemburger Händler zu mehr Digitalität und Service zu bewegen. Als Vorbild könnte hier der Handel in Deutschland gelten. „Den reinen stationären Handel gibt es nur noch selten. Meist ist es ein Multi-Channel-Geschäft, das alle Vertriebswege nutzt“, sagt Thomas Scherer, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Rheinland-Pfalz. Der Handel besinne sich mehr auf seine Stärken wie sofort verfügbare Ware, Beratungs- und Serviceleistungen.