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Firmen und Forscher für den Weltraum zieht es nach Luxemburg

Industrie der Zukunft : Weltraumbranche in Luxemburg wächst weiter

Das Satellitengeschäft ist eine jener Nischenindustrien, mit denen Luxemburg die Abhängigkeit seiner Wirtschaft vom Bankensektor abfedern will. Die Europäische Satellitengesellschaft SES machte 1985 den Anfang, weitere Unternehmen folgten.

Auch wenn Luxemburgs erster Astronautenkandidat Jean Ries immer noch keinen Termin für seinen ersten Weltraum-Flug hat, baut das Großherzogtum seine Präsenz in diesem Raum technologisch und wirtschaftlich immer mehr aus. Unter 50 000 Bewerbern war der Pilot und Immobilienunternehmer Jean Ries 2011 für das Space-Projekt des Virgin-Gründers Richard Branson ausgesucht worden und kam unter die 70 Kandidaten, die sich auf den zweieinhalbstündigen Flug in den Weltraum vorbereiten durften. Jean Ries (61) hofft noch immer auf seinen ersten Start als Astronaut. Nach dem Absturz der Raumfähre Space-Ship-Two mit einem Toten und einem Schwerverletzten 2014 erhielt das Space-Projekt von Richard Branson einen herben Rückschlag. Trotz dieses abschreckenden Unfalls hofft Jean Ries weiter auf einen touristischen Weltraumausflug, aber ob er der Matthias Maurer Luxemburgs wird, erscheint immer fraglicher.

Seit 1985 im luxemburgischen Betzdorf die SES (Société Européenne des Satellites), die Europäische Satellitengesellschaft gegründet wurde, hat Luxemburg einen starken Fuß im Weltraum. Die SES gehört heute zu den größten Satellitenbetreibern weltweit, mehr als 100 Satelliten wurden seitdem über Kourou in Französisch-Guayana, Baikonur in Kasachstan oder Cape Canaveral in Florida von Luxemburg aus in den Weltraum geschickt. Das Satellitengeschäft war eine der berühmten Nischenindustrien, mit denen Luxemburg die einseitige Abhängigkeit seiner Wirtschaft vom Bankensektor abfedern wollte. Mit dem rasanten Abstieg des Bankenplatzes Luxemburgs seit 2005 bekamen die einstigen Nischenindustrien immer mehr Bedeutung für die Zukunft des Landes. Seit 2005 wurde das Großherzogtum Teil der „European Space Agency“. Innerhalb der Weltraumforschung spezialisierte sich Luxemburg zunächst auf Forschungsprojekte im Rahmen des sogenannten „Space Mining“ – also dem Abbau von Rohstoffen im Weltall. Dazu ist das Großherzogtum eine Partnerschaft mit dem US-Unternehmen Deep Space Industries eingegangen.

Seit 2018 gibt es die Luxembourg Space Agency (LSA), sie ist die nationale Weltraumagentur des Großherzogtums Luxemburg. Sie arbeitete von Anfang an sehr eng mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zusammen. 2019 unterzeichneten beide Agenturen im Rahmen des 70. Internationalen Luftfahrtkongresses in Washington eine gemeinsame Absichtserklärung zur Zusammenarbeit in der Weltraumforschung.

Wirtschaftsminister Franz Fayot (LSAP, r.) und Bildungsminister Claude Meisch (DP) bei der Vorstellung des Konzepts für den „Space Campus“ der Universität am Standort Esch/Belval.
Wirtschaftsminister Franz Fayot (LSAP, r.) und Bildungsminister Claude Meisch (DP) bei der Vorstellung des Konzepts für den „Space Campus“ der Universität am Standort Esch/Belval. Foto: SIP/Jean-Christophe Verhaegen

Im Februar startete das Europäische Kulturhauptstadtjahr in Esch-sur-Alzette mit einer riesigen, von der Energie der Besucher angetriebenen Rakete vom Campus der Luxemburger Universität in Esch/Belval. Die Rakete hatte nicht nur dekorative Funktion, sondern sollte darauf hinweisen, dass in Esch ein „Space-Campus“ im Entstehen ist, der an das dortige „Haus der Wissenschaft“ angelehnt ist. Der Standort Belval umfasst neben den Mitarbeitern des 2020 gegründeten „European Space Resources Innovation Centre“ (ESRIC) auch die künftigen Forscher des „Interdisciplinary Centre for Security, Reliability and Trust“ (SnT) der Uni Luxemburg. Dadurch sollen Synergieeffekte erzielt werden.

Auch ein eigener „Studiengang Weltraum“ ist in der Planung. Insgesamt geht es darum, in Esch auf einer Industriebrache eine Technologie der Zukunft zu entwickeln, was auch das Motto des Kulturhauptstadt-Jahres ist.

Der zweite Standort des Space-Campus, wo vor allem die wirtschaftlichen Aktivitäten im Vordergrund stehen werden, soll auf dem ehemaligen Gelände der „Poudrerie de Luxembourg“ auf Kockelscheuer entstehen.

Dieser Standort ist näher an der Stadt Luxemburg, wo das wirtschaftliche Herz des Großherzogtums schlägt. In zwei Jahren schon sollen die ersten Bagger anrollen, damit der Hauptstandort des „Space-Campus“ 2026 eröffnet werden kann. Auf dem rund sieben Hektar großen Gelände des Parc-Luxite auf dem Gebiet der Gemeinde Roeser sollen vor allem wirtschaftliche Aktivitäten gefördert werden. Neben Bürogebäuden ist auch ein Testzentrum von 3000 Quadratmetern und ein spezialisierter Firmeninkubator für Start-up-Unternehmen vorgesehen. In Kockelscheuer wird auch die Luxemburger Weltraumagentur LSA ihren endgültigen Sitz haben.

Mit der Einrichtung eines Space-Campus an zwei unterschiedlichen Standorten hat Luxemburg einen weiteren Schritt in Richtung Weltraumnation getätigt. „Luxemburg ist ein kleines Land, aber Luxemburg ist eine Weltraummacht“, unterstrich Josef Aschbacher, Direktor der europäischen Weltraumagentur ESA, Anfang Mai am Rande der Luxemburger „Space Resources Week“. Seit dem Start der gleichnamigen Initiative im Jahr 2016 habe sich das kleine Großherzogtum als führende Nation in diesem Bereich fest etabliert und arbeite wie kein anderes Land am Ausbau seiner Möglichkeiten. „Das wird sich auszahlen“, so Aschbacher, der Luxemburg eine Vorbildfunktion in diesem Bereich attestierte.

Bis Ende 2020 hatten sich 50 Unternehmen und Forschungszentren aus dem Weltraum-Bereich in Luxemburg angesiedelt, innerhalb eines Pandemie-Jahres ist die Branche um weitere 50 Prozent gewachsen, was sehr erstaunlich ist. 75 Weltraum-Unternehmen, die meisten davon Start-ups, gibt es mittlerweile in Luxemburg mit 1200 Angestellten, wie eine neue Präsentation des Space-Campus informiert.

Der Fokus geht längst über den Abbau von Rohstoffen im Rahmen des „Space Mining“ hinaus, so Wirtschaftsminister Franz Fayot (LSAP). Es geht heute vor allem auch um die Erdbeobachtung, die Entwicklung von Technologien und die Forschung und Auswertung von Daten beispielsweise im Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Ziel bleibe jedoch, gerade auch angesichts des Krieges in der Ukraine, eine friedliche Nutzung des Weltraums für zivile und kommerzielle Zwecke.