Nachruf auf Frank Feitler Leidenschaftlicher Theatermacher: Ex-Direktor des Grand Théâtre Luxembourg gestorben
Luxemburg · Frank Feitler, der ehemalige Direktor des Grand Théâtre Luxembourg, ist gestorben.
Ein Gespräch mit ihm war stets bereichernd wie belebend. Frank Feitler war fraglos einer der profiliertesten Persönlichkeiten, nicht nur der Luxemburger Theaterszene, sondern auch der Theaterlandschaft der angrenzenden Großregion. Als Direktor des Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg und des städtischen Théâtre des Capucins hat der leidenschaftliche Theatermacher maßgeblich den internationalen Theaterstandort Luxemburg geprägt und vorangebracht. Aber auch uns Anrainern hier im Trierer Raum hat er ein wunderbares Geschenk gemacht, mit seinem spannenden und prominenten Programm internationaler Gastspiele, bei dem er das bestehende Sprechtheater durch Musiktheater und Tanz sowie Produktionen in englischer Sprache erweiterte.
Der 1950 geborene Luxemburger war ein Theatermann klassischer Prägung, gebildet, kenntnisreich und mit offenem Blick. Und er war auch ein typischer Luxemburger, ein weltläufiger Europäer, der lebenslang über Grenzen ging. Einer, der global dachte und seine internationalen Kontakte nutzte, um daraus lokal ein hochkarätiges Programm zu entwickeln. Für Frank Feitler war das Theater, wie er einmal sagte, ein Ort des Experiments und der sozialen Begegnung. Und nicht zuletzt der Selbstvergewisserung. Dabei besaß der einstige Dramaturg einen untrüglichen Blick für Qualität. Für ihn blieb das Theater in Hegels Sinn ein Ort, an dem Ideen Augenschein wurden und ihre angemessene ästhetische Ausformung finden mussten.
Dabei war ihm selbstverständlich, dass Inhalt vor Effekt geht. Nie verlor er zudem aus dem Auge, was Gottfried Ephraim Lessing, der berühmteste deutsche Dramaturg anmahnte: „Man muss sein Publikum affizieren“. Soll heißen: man muss es mitreißen, bewegen und durchaus verstören. Immer wieder ist das Feitler mit der Einladung grandioser Inszenierungen gelungen, von denen manche Theatergeschichte schrieben. So wie Aischylos’ Drama „Die Perser“ in der Regie des legendären Dimiter Gotscheff oder mit Ödön von Horváths bitterer Komödie, „Glaube, Liebe, Hoffnung“, einer brillanten Regiearbeit von Christoph Marthaler.
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Unter Frank Feitlers Intendanz wurde Luxemburg überdies zu einer ersten Adresse für zeitgenössischen Tanz. Dazu holte er führende internationale Tanzcompagnien mit ihren Choreografen und Choreografinnen ins Haus, wie die hoch angesehene Belgierin Anna Teresa De Keersmaeker.
Eindrücklich genug war auch Feitlers eigene Theaterlaufbahn. Nach dem Abitur studierte er in Heidelberg Germanistik und Philosophie und arbeitete zunächst einige Jahre als Gymnasiallehrer in Luxemburg, bevor er ans Theater wechselte, und das gleich an Häuser der Oberliga. Als Dramaturg und Mitglied des Direktoriums war er an den Baseler Bühnen tätig. Unter der Intendanz des legendären Peter Zadek arbeitete er anschließend als Dramaturg am Deutschen SchauSpielHaus in Hamburg, der größten deutschen Sprechbühne. Eine andere Legende wurde ihm damals, wie er einmal erzählte, zum Mentor, der Ostberliner Dramatiker Heiner Müller.
1990 kehrte Feitler nach Luxemburg zurück, wo er 2001 Direktor des Grand Théâtre wurde, 2011 übernahm er zudem das städtische Kapuzinertheater. Er sei ein Teamplayer, hat Feitler bei seinem Abschied 2015 betont, der wisse, dass ein guter Intendant auch von seiner Mannschaft lerne. Wir Kritiker gehörten nicht zum Team und dürfen auch nicht dazu gehören. Gleichwohl war Feitler stets am kritischen Blick von außen interessiert. Der kontroverse Diskurs und die differenzierte Reflektion waren für ihn substanzielle Notwendigkeiten eines lebendigen, innovativen Theaters. Das führte für die Autorin zu vielen vitalen und interessanten Gesprächen mit ihm, die in Erinnerung bleiben. Innovativ führte sich Feitler gleich bei seiner Rückkehr nach Luxemburg ein, als er im Kasemattentheater Rainer Werner Fassbinders „Bremer Freiheit“ inszenierte.
Dass er ein Mann mit vielen Talenten war, dem die Kunst eine große synergetische Einheit bedeutete, zeigt auch seine Arbeit beim Luxemburger Film und als Drehbuchautor. Als Gast war er zudem regelmäßig bei den Vernissagen im experimentierfreudigen Mudam unter der Direktion von Enrico Lunghi anzutreffen. Frank Feitler hat Luxemburg und der angrenzenden Region die Fenster zur internationalen Theaterwelt geöffnet. Sein Ansehen dort ist groß. Nachdrücklich hat er uns vermittelt, dass Kultur wie nichts anderes Grenzen überwindet, wenn wir die eigenen inneren Schlagbäume öffnen und den Blick weiten. Dafür und für sein unermüdliches Engagement für das Theater gebührt ihm auch hier in der Region großer Dank.
Am 21. Dezember ist der passionierte Theatermacher, wie die Luxemburger Presse meldet, im Alter von 73 Jahren gestorben.