Interview John Zimmer: „Jede Burg hat ihr Eigenleben“

Interview John Zimmer : „Jede Burg hat ihr Eigenleben“

Der bekannte Luxemburger Experte über das Vermächtnis der Burgen und Schlösser im Großherzogtum.

Er kennt etwas von Burgen und Schlössern. Die Rede ist von John Zimmer. Zum Auftakt unserer Serie unterhielt sich das Luxemburger Tageblatt mit dem 77-jährigen Experten, der längst nicht alles schönredet, dass vielmehr in seinen Augen in der Vergangenheit doch so manche Gelegenheit verpasst wurde und auch gegenwärtig viel mehr Potenzial in diesem Vermächtnis schlummert.

Was versteht man unter einer Burg?

Wie viele Burgen gibt es in Luxemburg?

ZIMMER Wir haben rund 50 Exemplare. Bei einigen Burgen ist allerdings nicht ganz klar, ob es sich auch um den Wohnsitz einer Adelsfamilie handelte.

Haben wir verhältnismäßig viele Burgen im Großherzogtum?

Engagierter Verfechter einer besseren touristischen Vermarktung der Luxemburger Burgen: John Zimmer (77). Foto: TV/Schramm, Johannes

ZIMMER Wir haben in der Tat viele Burgen auf dem heutigen Luxemburger Territorium, wobei Luxemburg im Mittelalter, damals, als die Burgen entstanden, in der Form noch nicht existierte. Einst gehörten wir zum Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation) und waren treue Parteigänger des deutschen Kaisers. Besser gesagt die Grafen von Luxemburg und von Vianden waren beide dessen Vasallen.

Gab es nur diese beiden Grafschaften?

ZIMMER Es gab in der Tat damals nur diese zwei Grafschaften im heutigen Großherzogtum Luxemburg, die sich obendrein bis ins 13. Jahrhundert in einem machtpolitischen Konkurrenzkampf befanden. Die Grafen von Luxemburg hatten ihrerseits wiederum Untervasallen wie zum Beispiel die Herren von Bourscheid, Brandenburg, Befort, Kahler, Koerich, Fels. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass die Herren aus Fels Fahnenträger des Grafen von Luxemburg waren.

Zurück zu den Burgen. Wie ist es um deren Zustand bestellt?

ZIMMER Der Zustand ist teils recht unterschiedlich und eine komplexe Angelegenheit. Es gibt mit Vianden und Bourscheid, der flächenmäßig größten Burg hierzulande, ein paar echte Aushängeschilder. Einige wurden wiederaufgebaut, derweil andere dem Verfall preisgegeben waren.

Vorauf ist der Verfall zurückzuführen?

ZIMMER Zum Beispiel darauf – wie es bei der Burg Vianden der Fall ist –, dass die Adligen keine Nachkommen mehr hatten und ausstarben. Die Burg Vianden verwaiste mit dem Tod der letzten Gräfin und wurde anschließend von sogenannten Verwaltern genutzt. Das war um die Mitte des 15. Jahrhunderts, also zu Beginn der Frühen Neuzeit, wie es in der Geschichtsforschung bezeichnet wird. Was ich damit sagen will, ist, dass jede Burg an und für sich ihr Eigenleben hat. Und leider auch ihre eigene Verfallsentwicklung, wenn man so will.

Wann wurde Vianden restauriert bzw. wann kam bei den Menschen das Bewusstsein überhaupt auf, dass etwas gegen den Verfall der Burgen unternommen werden musste?

ZIMMER Da müssen wir aber jetzt einen gewaltigen Sprung bis ins 19. Jahrhundert machen, denn da wurden die Burgen sozusagen wiederentdeckt. Erst im Jahr 1820 war die Burg Vianden verkauft worden, und der neue Eigentümer hat die gesamten Dächer als Baumaterial demontiert und weiterverkauft. Sogar Victor Hugo hatte sich bei seinem Aufenthalt dort darüber aufgeregt, dass die Burg in solch einem jämmerlichen Zustand war. Die Instandsetzung war ein wichtiger Schritt, denn wenn es kein Dach mehr gibt, gibt es auch keinen Schutz gegen die Witterungsverhältnisse. Und dann schreitet der Verfall rasch voran. Manche Burgen verschwanden komplett im Laufe der Zeit oder es sind nur noch die Grundmauern übriggeblieben wie bei der Heringer Burg im Müllerthal.

Was war das Schlüsselmoment bei Vianden?

ZIMMER Ich denke, es war das Jahr 1979. Der Burgenforscher Jemmy Koltz, der Großes auf diesem Gebiet geleistet hat, sowie Vic Abens, dessen Beweggründe politischer Natur waren, setzten sich für den Wiederaufbau und damit für den Erhalt ein. Hinzukamen internationale Gremien. Zudem wurde in dem Jahr hierzulande der „Service des sites et monuments nationaux“ gegründet. Das war ein Meilenstein. Bis dahin hatte alles nur so dahingedümpelt, um es mal so zu formulieren.

Das war auch das Jahr, als Sie ins Spiel kamen, oder?

ZIMMER In der Tat begann damals meine berufliche Laufbahn beim „Service des sites et monuments nationaux“. Ich hatte Vermessung am damaligen IST studiert, und mit dem Aufkommen der Informatik bot der Luxemburger Staat einigen Beamten an, sich an der Uni in Lüttich weiterzubilden. Zusammen mit neuen Vermessungsgeräten und den zugehörigen Rechner-Programmen hatte ich die Möglichkeit, zum ersten Mal eine wissenschaftliche Bauforschung in Luxemburg durchzuziehen. Zudem war und bin sich nach wie vor davon überzeugt, dass Bauforschung und Archäologie stets Hand in Hand gehen. Und wenn man etwas restaurieren will, muss man doch zunächst wissen, was sich zuvor dort befand. Leider gab es da ein paar Rechthaber, die anderer Ansicht waren und diese Notwendigkeit nicht einsahen.

Wie meinen Sie das?

ZIMMER An sich war das stets ein Streitpunkt unter den Wissenschaftlern. Aber ohne Ausgrabungen hätte man nie herausgefunden, dass dort, wo sich beispielsweise die Burg Vianden befindet, einst ein römisches Kastell stand. Ausgrabungen sind das A und O. Basta!

Sie haben auch Ausgrabungen vorgenommen am „Crac des chevaliers“ in Syrien. Wie kam es dazu?

ZIMMER Als Kaiser Friederich I, genannt Barbarossa, im 12. Jahrhundert auf seinen dritten Kreuzzug ging, war der Bruder des damaligen Grafen von Vianden mit von der Partie. Er diente ihm und war das, was man heute einen Stabsoffizier nennen würde, also eine Art Berater und Gehilfe. Ich wollte mehr über diese schillernde Persönlichkeit der Luxemburger Geschichte herausfinden, weshalb ich mich im Zuge einer Spezialmission auf dessen Spuren ins „Crac des chevaliers“ nach Syrien begab. Diese Burg, die aus der Zeit der Kreuzritter stammt, ist seit 2006 Bestandteil des Weltkulturerbes der Unesco und steht noch integral dort.

Wie lange waren Sie dort?

ZIMMER Ich habe während drei Jahren dort geforscht. Jeweils sechs Monate am Stück. Ich habe dort auch sehr viel über die Mentalität und Lebensart der Araber und Syrier gelernt. Vieles, was heute darüber in den Medien publiziert wird, ist schlichtweg falsch. Meine Forschungsarbeiten über den Stabsoffizier von Barbarossa waren indes wenig ergiebig. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Zurück zu den Burgen und Schlössern unseres Landes – welche ist Ihre Lieblingsburg?

ZIMMER (lacht) Die Heringer Burg, die sich wie bereits erwähnt im Müllerthal befindet. Von deren Ursprung ist wenig bekannt. Es gibt da aber einen Stich, der sich im Besitz der Familie Linckels aus Befort befindet. Dieser Stich zeigt genau auf, wie die Heringer Burg einst aussah. Heute sind nur noch Ruinen dort zu finden, wo sich diese Felsburg befand.

Wie ist es dort um die Forschung bestellt?

ZIMMER Schlecht, da es keinerlei Ausgrabungen gab. Da ist jammerschade, denn eine solche Felsburg ist eine Ausnahme für Luxemburg, derweil man in der Schweiz beispielsweise viele solcher Burgen hat.

Wenn Sie Podiumsplätze vergeben müssten …

ZIMMER … dann wäre, wie gesagt, die Heringer Burg auf dem obersten Treppchen. Silber geht an Vianden, wo ich am meisten gearbeitet habe und mir auch das Recht nehme, haarscharf zu kritisieren, wenn in Sachen Renovierung mal wieder etwas schiefläuft. Bei Bronze muss ich passen. Vielleicht die Burg Luxemburg.

Gibt es ein Land mit ähnlich vielen Burgen?

ZIMMER Frankreich, Deutschland, England. Diese drei Nationen schwangen einst das Zepter in unseren Breitengraden. Dementsprechend viele Burgen gibt es auch dort. Dann ist da das Burgenland in Österreich, das diesen Namen ja nicht umsonst trägt.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Entwicklung?

ZIMMER Es hapert an den Besucherinformationen hierzulande, was die Burgen betrifft. Da schlummert reichlich touristisches Potenzial, das nicht genug genutzt wird. Unsere Burgen und Schlösser und damit ihr Vermächtnis könnten weitaus besser vermarktet werden. Mir schwebt da eine Art Burgen-Tour vor. Und mit den multimedialen Techniken von heute könnte man ein hervorragendes Konzept ins Leben rufen.

Das Interview führte Laurent Graaff,
Redakteur beim Luxemburger Tageblatt

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