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Kathrin Mess über die Widerstandskämpferin Yvonne Useldinger aus Luxemburg

Geschichte : Zeichnen als Ablenkung

Die Luxemburgerin Yvonne Useldinger leistete Widerstand gegen die Nazis. Das Frauen-KZ Ravensbrück überlebt sie, weil sie heimlich schreibt und zeichnet. Über die mutige Frau schreibt die Kunsthistorikerin Kathrin Mess in ihrem aktuellen Buch.

Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) verhaftet am frühen Morgen des 5. August 1942 im besetzten Großherzogtum Luxemburg mehrere Hundert Kommunisten. Darunter ist die 21-jährige Yvonne Useldinger (1921 – 2009) aus Esch. Sie ist die Tochter des Gewerkschafters und Hüttenarbeiters Alfons Hostert. Ihr Mann Arthur engagiert sich ebenfalls für die Kommunisten. Yvonne Useldinger hilft im Widerstand gegen die Nationalsozialisten, verteilt Flugblätter und die Untergrundzeitung „Die Wahrheit“.

Anfang September 1942 bringt sie im Wöchnerinnenheim des Landgerichtgefängnisses Trier ihre Tochter Fernande zur Welt. Neun Monate später ist Yvonne Useldinger im „Schutzhaftlager Ravensbrück“ (siehe Info); ihre Tochter wächst bis Kriegsende bei ihrer Mutter auf. Im Schutzhaftlager angekommen erhält sie die Nummer „20664“ und den roten Winkel, das Zeichen für politische Häftlinge. Schnell landet sie im Siemenslager, wo sie Spulen wickelt und Relaisteile zusammenbaut. Und sie wird Teil des Lagerwiderstands, der versucht, die Produktion von Rüstungsgütern zu sabotieren.

Heimlich beginnt sie nach dem Umzug in eine Wohnbaracke ein Tagebuch zu schreiben und zu zeichnen. Nach ihrer Befreiung Ende April 1945 kann sie ihre Zeichnungen und Tagebucheinträge retten. „Als ‚Nummer‘ durften die Frauen im KZ Ravensbrück keine Stifte und kein Papier haben. Das Anfertigen der illegalen Zeichnungen und das Aufschreiben des Erlebten in einem Tagebuch war streng verboten“, sagt Kathrin Mess.

Sie hat über das Tagebuch der luxemburgischen Widerstandskämpferin Yvonne Useldinger bereits im Jahr 2006 promoviert. Jetzt hat sie mit dem Buch „Dann habe ich keinen Hunger mehr gespürt …“ ein weiteres Werk veröffentlicht. In ihm widmet sich die Kunsthistorikerin den im Konzentrationslager Ravensbrück von Useldinger gemalten Zeichnungen. Das Spektrum dieser Arbeiten ist sehr vielfältig. Mal zeichnet sie Blumen, mal Mithäftlinge, aber auch Lagerszenen.

„Diese Bandbreite an Themen ist nicht widersprüchlich“, sagt Mess. Die Blumenmotive seien für die Häftlinge ein Hoffnungszeichen gewesen, Porträts seien oft an Freundinnen weitergegeben worden. Oft hätten die Zeichnerinnen in Ravensbrück versucht, sich mit Hilfe ihrer Werke vom KZ-Alltag abzulenken. „Wenn man die Zeichnungen einordnen will, braucht man den Kontext, aus dem heraus sie entstanden sind.“ Gerade diesen Kontext will Kathrin Mess mit ihrem jüngsten Buch liefern.

Deshalb hat sie sich für ein pädagogisches Konzept entschieden und didaktische Anleitungen für Lehrkräfte eingearbeitet. Neben Dokumenten aus dem Nachlass von Yvonne Useldinger findet man in dem Buch Impulse zu Themen: „Ich will zum Nachdenken und Diskutieren anregen“, sagt Mess. Gerade Themen wie der „Nationalsozialismus“ ließen sich im Unterricht besser aufarbeiten, wenn man sie vor dem Hintergrund von Einzelschicksalen aufbereite. Das Buch richtet sich  an Menschen, die an Schulen oder Bildungseinrichtungen unterrichten. Es sei auch als Baustein zur regionalen Geschichte sowie zur Geschichte der Frauen im Widerstand gedacht.

Yvonne Useldinger. Foto: Institut für Geschichte und Soziales, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

Kathrin Mess, „Dann habe ich keinen Hunger mehr gespürt …“, 25 Euro. Das Buch kann über den Buchhandel bezogen werden oder direkt via E-Mail kathrin.mess@web.de bei der Autorin.