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Kleines Luxemburg will die große Welt retten

Weltraum : Luxemburg mischt mit im Krieg der Sterne

Bei der Verteidigung der Erde gegen Asteroideneinschläge hat Luxemburg seine Finger im Spiel. Wie sich herausstellt, gibt es Überschneidungen zwischen der Rettung der Erde und Space-Mining.

Als der damalige Wirtschaftsminister Etienne Schneider 2016 der Welt verkündete, dass Luxemburg eine führende Rolle beim Weltraumbergbau spielen will, sorgte das international für Aufsehen und national für hochgezogene Augenbrauen. Ein kleines Land wie Luxemburg will im Weltall mitmischen?

Ganz so abwegig war das nicht. Immerhin ist Luxemburg seit den 1980er Jahren eine feste Größe im Geschäft mit Fernsehsatelliten. Seit Schneiders Ankündigung hat sich Luxemburg ein Gesetz gegeben, das Unternehmen mit Sitz im Großherzogtum Rechtssicherheit gibt, wenn sie im Weltraum nach Rohstoffen schürfen. Außerdem ist eine sehr lebendige Weltraumbranche entstanden und das Land hat mit der Luxembourg Space Agency (LSA) seine eigene Weltraumorganisation gegründet, deren primäres Ziel es ist, diesen Sektor in Luxemburg zu entwickeln.

Etwas weniger sichtbar, wenn auch nicht weniger spektakulär, ist die Tatsache, dass Luxemburg mittlerweile eine wichtige Rolle in der planetaren Verteidigung spielt. Einige der noch zaghaften weltweiten Anstrengungen in der Vorbeugung von Asteroideneinschlägen finden in Luxemburg statt.

Internationaler Asteriodentag

Wie kommt das? Als Etienne Schneider und sein Ministerium 2016 anfingen, Weltraumunternehmen nach Luxemburg zu holen, etablierte sich auch ein anderer Akteur hier. Die Rede ist von der „Asteroid Day Fundation“. Diese Organisation hat zum Ziel, sowohl auf die Gefahren als auch auf den Nutzen von Asteroiden aufmerksam zu machen. Die Organisation richtet jedes Jahr am 30. Juni einen „Tag der Asteroiden“ aus. Um dieses Datum herum finden weltweit Veranstaltungen statt, die für das Thema sensibilisieren sollen. Das prominente Gesicht der Organisation ist Brian May, der Lead-Gitarrist der Band Queen. May erhielt 2007 seinen Doktortitel im Fach Astrophysik. Er kennt sich also in der Materie bestens aus.

Im Jahr 2016 haben die Vereinten Nationen den Asteroidentag offiziell zum internationalen Tag des Bewusstseins und der Aufklärung über Asteroiden erklärt. Auf ihrer Internetseite bezieht die Organisation sich explizit auf die luxemburgische Regierung: „Dank seiner Partner und Unterstützer, insbesondere der Regierung Luxemburgs, wo die Stiftung ihren Sitz hat, hat der Asteroidentag bedeutende Fortschritte bei der Aufklärung der Welt über Asteroiden gemacht.“

Darum faszinieren Asteroiden

Asteroiden sind große Felsbrocken, die bei der Entstehung der Planeten im Sonnensystem vor 4,567 Milliarden Jahren übrig blieben. Eine große Ansammlung von ihnen befindet sich im Asteroidengürtel zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter, wo sie seit Äonen um die Sonne kreisen. Anders als auf den Planeten haben auf den kalten und kahlen Asteroiden seit der Entstehung des Sonnensystems kaum chemische Prozesse stattgefunden – für Wissenschaftler eine faszinierende Tatsache. Die Forscher glauben, von ihnen mehr über die Formation der Planeten und möglicherweise sogar über die Entstehung des Lebens lernen zu können.

Asteroiden werden von den großen Weltraumorganisationen – darunter die NASA und die ESA – und von Amateuren genaustens beobachtet. Dennoch sind längst nicht alle Asteroiden im System kartografiert. Es gibt also Millionen kleinerer Felsbrocken, die sich ohne Aufsicht im Sonnensystem bewegen. Mit zunehmendem Verkehr im Sonnensystem kann dies durchaus gefährlich für Menschen und Ausrüstung werden.

Unheil aus dem All

Die Gefahr durch Asteroiden ist kein Hirngespinst. Immerhin wird ein Asteroiden-Einschlag für das Aussterben der Dinosaurier verantwortlich gemacht. Laut ESA gehen Forscher davon aus, dass die Erde bereits über drei Millionen Einschlagskrater mit einem Durchmesser von mehr als einem Kilometer erlitten hat. Der größte bekannte erstreckt sich über einen Durchmesser von mehr als 300 Kilometer. Es handelt sich um den Vredefort-Krater in der südafrikanischen Provinz Freistaat. Der Einschlag soll vor 2023 Millionen Jahren stattgefunden haben.

Welche Kraft selbst kleine Asteroiden haben können, zeigen Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit. Zum einen soll das bekannte Tunguska-Ereignis durch einen Asteroiden verursacht worden sein, der zwischen 30 und 40 Metern Durchmesser hatte. Dabei wurden 80 Millionen Bäume in der entlegenen sibirischen Region einfach umgepustet. Zum anderen gilt ein Asteroid mit einem Durchmesser von 20 Metern als wahrscheinliche Ursache für eine Schockwelle, die 2013 in sechs Städten in ganz Russland zu spüren war. Auch die vielen Krater auf dem Mond sind eine von der Erde aus gut sichtbare Mahnung.

Planetare Verteidigung

Die amerikanischen und die europäischen Weltraumbehörden NASA und ESA nehmen die Gefahr so ernst, dass sie eine gemeinsame Mission ins Leben gerufen haben. Gemeinsam wollen sie versuchen, einen Asteroiden kinetisch zu bombardieren, um seine Flugbahn zu verändern.

Das Ziel der Mission ist ein Zwillings-Asteroiden-System namens Didymos. Dabei handelt es sich um einen Brocken von 800 Metern Durchmesser und seinen kleinen Begleiter (einen Mond) mit rund 170 Metern Durchmesser. Die Forscher haben den kleinen Felsen informell auf den Namen „Didymoon“ getauft. Zusammen werden sie 2022 bis auf elf Millionen Kilometer an die Erde herankommen.

Die NASA wird dabei zuerst aktiv. Sie wird mit ihrer DART-Sonde den kleineren der Asteroiden bombardieren. Danach wird die ESA ihre HERA-Sonde auf den Asteroiden zusteuern und kleinere, schuhschachtelgroße Satelliten ausschwärmen lassen. Mit ihrer Hilfe wird HERA den Asteroiden genau vermessen und so das Resultat des Experiments überprüfen. Vieles davon soll autonom passieren, also ohne das Zutun der Ingenieure auf der Erde. Dabei wird auch die Einsatzfähigkeit eines neuartigen Intersatelliten-Links bei solchen Operationen geprüft, schreibt die ESA in der Erklärung zu einem Video über die Mission. Die ESA bezeichnet HERA als ihre „Mission zur planetaren Verteidigung“.

Pläne im Weltraum

Anlässlich des diesjährigen (aufgrund der Corona-Krise etwas anderen) Tages der Asteroiden organisierte die ESA ein französischsprachiges Panel von Experten, das von dem französischen Wissenschafts-Youtuber Bruce Benamran moderiert wurde. Unter den Teilnehmern waren auch LSA-Direktor Marc Serres und HERA-Projektleiter Ian Carnelli.

Serres erklärte Benamran die Luxemburger Perspektive, die sich von der reinen Forschungsperspektive der anderen Panel-Teilnehmer etwas unterscheidet. Die bereits angesprochene Space-Mining-Initiative sieht Asteroiden, aber auch den Mond, als Tankstelle und Rohstofflager für zukünftige Astronauten und Siedler im Weltall. Bislang müssen Astronauten alles, was sie im Weltall brauchen – wie etwa Atemluft, Baumaterial und Treibstoff – aus der Gravitation der Erde in den Weltraum hochschaffen. Könnten sie Rohstoffe wie Metall und Wasser, das sie auf Asteroiden, aber auch auf dem Mond finden, verwenden, wäre das eine riesige Erleichterung, wie Serres Benamran erklärte (daneben schielen einige schon auf die großen Vorkommen von Edelmetallen).

Und unterm Strich ist es das Ziel Luxemburgs, dass hier niedergelassene Unternehmen die Ressourcen im Weltall abbauen und dann anderen Staaten oder privaten Unternehmen, die im Weltall aktiv sind, weiterverkaufen. Ein wenig so wie die schlauen Geschäftsleute während des Goldrushs in Amerika, die den Goldsuchern Schippen und Proviant verkauften und so ein sicheres Einkommen hatten – anders als die Goldsucher selbst.

Space-Mining gilt als technisch durchaus machbar, allerdings ist noch einiges an Entwicklung notwendig. Und es lassen sich durchaus Synergien mit der planetaren Verteidigung finden. Die bei HERA erforschten, teils selbstständig operierenden Sonden etwa. Das jedenfalls behauptet Carnelli. Landungen mit Sonden auf Asteroiden seien durchaus auch ohne autonome Sonden möglich. Sowohl Rosetta wie auch Hayabusa II wurden bei ihren Landungen von Ingenieuren auf der Erde ferngesteuert. Allerdings gibt es aufgrund der Distanz zwischen Sonde und Erde eine Verzögerung, die kniffligere Manöver erschwert. Wenn der Pilot der Sonde einen Befehl erteilt, dann reist das Signal „nur“ mit Lichtgeschwindigkeit von der Erde zur Sonde. Über solch große Distanzen können so Sekunden vergehen. „Mit HERA machen wir einen Schritt in die Zukunft, der uns eines Tages komplizierte Operationen wie etwa das Dranhängen an einen Asteroiden erlaubt, um dort nach Rohstoffen zu schürfen“, so Carnelli. Die gleiche Technologie, die die HERA-Mission zur planetaren Verteidigung entwickelt, wird also auch dem Space-Mining zugutekommen.

Der Artikel erschien zunächst im Luxemburger  „Tageblatt“.