Kranke Grenzgänger

LUXEMBURG. Grenzgänger sind häufiger krank als Luxemburger, sagt zumindest eine Studie der Krankenkassenunion UCM. Pendler tragen aber auch dazu bei, dass mit ihren Beiträgen das Sozialsystem so erhalten bleibt, wie es derzeit ist - großzügig und mit staatlicher Unterstützung.

Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? Denn darum streiten sich Luxemburgs Handwerkerverband (Fédération des Artisans) und die Gewerkschaften, besonders der OGB-L. Während Gewerkschaftsführer John Castegnaro den gewachsenen Stress auf Arbeiter als Krankheitsursache Nummer eins ausmacht, macht Handwerker-Präsident Norbert Geisen gerade die vielen Krankmachungen als Grund für die Belastung der luxemburgischen Wirtschaft aus. Egal, wer Recht hat, jedenfalls wissen beide Interessengruppen, dass die Arbeiter in Luxemburg zu häufig und zu lange krank sind. Ohne Staats-Eingriff ein System-Kollaps

Folge: Die Arbeiterkrankenkasse (Caisse de Maladie des Ouvriers) - für Angestellte ist die Caisse de Maladie des Employés privés zuständig - muss seit Jahren mehr Krankengeld auszahlen als sie einnimmt. In diesem Jahr wird ein Defizit von 52 Millionen Euro erwartet. Hätte sich der Staat vor drei Jahren nicht dazu verpflichtet, 37 Prozent der Sachleistungen zu übernehmen, hätte dasSystem längst Bankrott angemeldet. Nichtsdestotrotz: "Die Kontrollen bei den Ärzten sind zu selten, die Kontrollen bei den Kranken nicht systematisch", analysiert UCM-Präsident Robert Kieffer. Denn anders als in Deutschland bekommen krank geschriebene Arbeitnehmer in Luxemburg Kontrollbesuche von der "Kranken-Polizei" Contrôl médicale de la Sécurité sociale. Und die macht selbst vor Grenzen nicht halt und schaut auch bei Pendlern vorbei. Weiterer Unterschied zu Deutschland: Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall beginnt für Arbeiter mit dem ersten Tag - zu hundert Prozent. "Es gibt da keinen Unterschied mehr zwischen Kranksein und Urlaub haben", bemängelt Handwerker-Präsident Geisen. DerBäcker fordert deshalb einen Karenztag oder die Reduzierung des Krankengeldes in den ersten Tagen. "Außerdem fordern wir ein bilaterales Abkommen mit Deutschland, damit dort nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte kontrolliert werden können", sagt er. Er sei zwar froh, dass Grenzgänger im Großherzogtum arbeiteten, "aber sie müssen so behandelt werden können wie Luxemburger". "Alles Sozialabbau", wütet Gewerkschaftsboss Castegnaro. Bevor man zu Felde ziehe, müsste erst eine schonungslose Analyse auf dem Tisch liegen. Das sei bislang nicht der Fall. So hält er auch die Studie der UCM für unglaubwürdig. Die besagt beispielweise, dass die Pendler im Vergleich zu Luxemburgern zu zehn Prozent häufiger krank sind. Noch krasser sind demnach die Unterschiede bei Grenzgängerinnen: Der Krankenstand bei ihnen lag laut UCM etwa 1999 um 40 Prozent über dem der luxemburgischen Arbeiterinnen. Für Robert Kieffer ein Indiz dafür, dass sich "wohl viele Mütter krank schreiben lassen, wenn ihre Kinder krank sind, weil sich der Weg zur Arbeit für wenige Stunden nicht mehr lohnt". Zwar haben Grenzgänger die Wahl, in Luxemburg oder Deutschland zum Arzt zu gehen, doch liegt der Anteil der deutschen Patienten in Luxemburg laut UCM nur bei zwei Prozent. Grenzgänger sind nicht nur Nutznießer des Luxemburger Krankensystems, sie finanzieren es großteils mit: Wuchsen zwischen 1995 und 2001 die beanspruchten Leistungen um rund 67 Prozent, stieg die Lohnmasse um 109 Pruzent, bei den Luxemburgern lag das Verhältnis andersherum. Außerdem: Zwar kommen die Luxemburger Krankenkassen für die beanspruchten Leistungen in Deutschland auf, doch sind die meist preiswerter als im Großherzogtum. Ebenso unterliegen Grenzgänger nach einer Pensionierung der Krankenversicherung im Heimatland, falls nur eine Teilrrente von dort bezogen wird - was bei vielen der Fall ist.

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